Die Schüsse kamen unerwartet. Die 23-jährige Hatun Sürücü hielt einen Kaffeebecher und die brennende Zigarette in der Hand, als sie von ihrem jüngsten Bruder Ayhan an einer Berliner Bushaltestelle getötet wurde. Mehr als zwölf Jahre ist das her. Der Täter gab an, seine Schwester wegen ihres westlichen Lebensstils getötet zu haben. Er wurde zu neuneinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt, saß die Haft ab und wurde dann in die Türkei abgeschoben.

Dass Ayhan Sürücü alleine gehandelt hat, glaubt die Staatsanwaltschaft des Istanbuler Strafgerichts in Kartal nicht. Seine älteren Brüder, heute 36 und 38 Jahre alt, sollen den Jüngsten mit dem Mord beauftragt haben, um die Familienehre wiederherzustellen. Seit mehr als einem Jahr stehen sie deshalb in Istanbul vor Gericht. Ihnen wird Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung ihrer kleinen Schwester vorgeworfen. Der Ältere der beiden soll zudem die Tatwaffe besorgt haben. Heute wird ein Urteil erwartet. Den Brüdern droht lebenslange Haft.

Nach Meinung der Anwältin und Frauenrechtlerin Rukiye Leyla Süren, die als Beobachterin am Prozess teilnimmt, steht der Fall stellvertretend für die Rechte aller getöteten Frauen. Sie hofft, dass es zu einem Urteil kommt, das "abschreckende Wirkung" habe.

Hatun Sürücü war mit 15 Jahren in der Türkei mit ihrem Cousin zwangsverheiratet worden. Sie kehrte ohne ihren Mann und schwanger nach Deutschland zurück. Mit ihrer streng religiösen Familie gab es bald Streit, wie aus den Gerichtsunterlagen hervorgeht.

Hatun Sürücü zog ihren Sohn allein groß, machte eine Lehre zur Elektroinstallateurin und führte ein selbstständiges Leben. Zum Zeitpunkt ihres Todes im Februar 2005 stand sie kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung.

Der Täter sagte an einem Verhandlungstag in Istanbul als Zeuge aus, seine Brüder hätten mit dem Mord nichts zu tun. Auch an dem Lebensstil seiner Schwester habe er sich nicht gestört und widersprach damit seiner früheren Aussage. Die Ehefrau des jüngeren Angeklagten, Geschwister und ein Arbeitskollege wurden im Prozess vernommen, Fotos herumgereicht - die Familie versuchte so vor Gericht deutlich zu machen, dass sie modern sei und nichts gegen einen westlichen Lebensstil habe.

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders und warf den Angeklagten in ihrem Abschlussplädoyer Ende März vor, sich in der Gesellschaft für den Lebensstil ihrer Schwester geschämt zu haben. Gemeinsam hätten sie beschlossen, dass der jüngste Bruder die "Ehre säubern" solle. Für den Staatsanwalt steht fest, dass die beiden Angeklagten "mit dem Beweggrund des Brauches" Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung ihrer Schwester geleistet haben. Sie hätten den Mord gemeinsam geplant.