"Insgesamt 72 Sichtungen, von denen etliche offenkundig dieselben Tiere betreffen, wurden im Land Brandenburg seit 1990 registriert. Schwerpunkt der Meldungen sind die ostbrandenburgischen Landkreise entlang von Oder und Neiße", teilt das Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft in Brandenburg mit.

Auch in Spree-Neiße gibt es immer mal wieder Sichtungen. "Ich habe vor drei Jahren in der Lieberoser Heide selbst mal einen gesehen", berichtet Siegfried Lüdecke, Leiter der Oberförsterei Drebkau, die für den gesamten Süden des Landkreises zuständig ist. Revierförster und Bürger berichten laut Lüdecke immer mal wieder über durchziehende Elche. Bekannt ist vor allem das Tier, das vor einigen Jahren bei Byhleguhre mit einem Schulbus kollidierte.

Lüdecke berichtet von einem weiteren Fall, bei dem ein Elch einen Sicherungszaun an der Autobahn mit sich riss und mehrere Tage durch die Gegend schleifte, ehe er verendete. "Für diese Tiere ist so ein Zaun kein Hindernis", sagt Lüdecke. Und anders als ein Hirsch, der zunächst vorsichtig seinen Kopf auf eine Lichtung oder Straße hält, marschiert der mächtige Elch mutig voran. "Der tritt erst ins Freie und schaut sich dann um", so Lüdecke - mit dem Resultat, dass für einige Elche, die aus Richtung Polen nach Spree-Neiße wandern, ihre Reise auf der Straße endet.

"Ein Flüsschen wie die Neiße stellt für diese Tiere kein Hindernis dar", erklärt Lüdecke. Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass gerade hier in der Region Tiere zu beobachten sind.

"Die Statistik weist acht Totfunde seit der Wende auf. In einem Fall, im August 2000 zwischen Byhleguhre und Burg, kam es bereits zu einem schweren Verkehrsunfall. Der beteiligte Linienbus musste danach aus dem Verkehr gezogen werden", teilt das Ministerium mit. Deshalb wolle man nun Vorsorge treffen. Bis zum Jahresende soll ein von der Forschungsstelle Wildökologie und Jagdwirtschaft beim Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde begleiteter Managementplan "Strategien und Handlungsbedarf beim Umgang mit zuwandernden Elchen" aufzeigen. "Auch wenn der König der Wälder des Nordens gegenwärtig in Brandenburg nur zeitweise und regional begrenzt in wenigen Exemplaren gesichtet wird, sollen Förstern, Jägern, Landwirten, Waldbesitzern, Naturschützern und Verkehrsexperten schon jetzt erste Hinweise gegeben werden, um auf eine Wiederkehr der größten, heute lebenden Hirschart vorbereitet zu sein", erklärt Pressesprecher Jens-Uwe Schade. Nach Bayern sei Brandenburg damit das zweite Bundesland, welches das Thema zuwandernde Elche wissenschaftlich und praxisbezogen begleitet.

"Der Elch-Managementplan dient ausdrücklich nicht dazu, die Ansiedlung dieser Schalenwildart aktiv zu befördern", so Schade. Das sieht auch Praktiker Lüdecke so. "Zu DDR-Zeiten gab es ja entsprechende Überlegungen, den Elch wie zu Kaisers Zeiten wieder in Brandenburg heimisch werden zu lassen. Das ist aber nicht weiter verfolgt worden. Es fehlen einfach die ausreichenden Flächen", so Lüdecke.

Der größte Feind für die aus dem Osten einwandernden Elche seien die hiesigen Infrastrukturen. "Brandenburg gilt aufgrund seiner Zersiedelung seit Jahrhunderten nicht mehr als idealer Lebensraum für den Elch", bestätigt auch das Ministerium. Handlungsbedarf sehen Fachleute heute aber vor allem in Fragen der Verkehrssicherheit und bei der Kompensation von Wildschäden.

Wurden zu DDR-Zeiten die wenigen Elche, die es westlich über Oder und Neiße bis in die Mark schafften, erlegt, so gilt heute für die jagdbare Tierart eine ganzjährige Schonzeit. In der Folge halten sich einige der Großsäugetiere länger im Brandenburgischen auf - nach Schätzungen bis zu zwei Jahre. Ob Elche dauerhaft hier heimisch werden beziehungsweise über kurz oder lang wieder ostwärts ziehen, soll nun im Zuge der Studie geklärt werden.

Dazu brauchen die Experten allerdings Hilfe. "Zur Verbesserung der Datengrundlage können alle beitragen, die einen Elch in der Region sichten", erklärt Pressesprecher Schade. Meldungen, Fotos, Handyvideos, Videos von Elchen in Brandenburg sowie in benachbarten Bundesländern beziehungsweise Nachbarwojewodschaften nimmt die beauftragte Projektkoordinatorin beim Landeskompetenzzentrum gern entgegen.

Zu klären ist im Rahmen der Studie auch, was passiert, wenn sich die Elche tatsächlich für länger in der Region einrichten. "Natürliche Feinde gibt es hier für sie nicht", sagt Lüdecke. Auch der Wolf werde das Problem nicht lösen. "Die trauen sich im Extremfall an ein geschwächtes Kalb heran", erklärt Siegfried Lüdecke.

Einem ausgewachsenen Elch hingegen kann - neben Jäger und Auto - höchstens ein Bär beikommen. Die sind in Brandenburg allerdings tatsächlich noch nicht gesichtet worden - auch nicht auf der Durchreise.