US-Außenminister John Kerry hat Israelis und Palästinenser zu einem Ende der Gewalt im Nahen Osten aufgerufen. "Es ist entscheidend, dass all diese Hetze und all diese Gewalt aufhört", sagte er am Donnerstag zum Auftakt eines Treffens mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in Berlin. Es müssten Schritte ergriffen werden, um die gegenseitigen Beschuldigungen zu überwinden.

Kerry zeigte sich zuversichtlich, dass beide Seiten zur Deeskalation bereit sind. Am Wochenende will er auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas treffen.

Netanjahu machte den Palästinensern wieder schwere Vorwürfe und bezichtigte Abbas erneut der Lüge. "Es ist keine Frage, dass diese Welle der Gewalt direkt angetrieben wird von Hetze - Hetze der Hamas, Hetze der islamistischen Bewegung in Israel und Hetze - es tut mir leid, das sagen zu müssen - von Präsident Abbas und der Palästinensischen Autonomiebehörde", sagte der israelische Regierungschef.

"Um Hoffnung zu erlangen, müssen wir den Terrorismus stoppen. Um den Terrorismus zu stoppen, müssen wir die Hetze stoppen." Die internationale Gemeinschaft müsse Abbas auffordern, seine Hetze zu stoppen und ihn für seine Worte und Taten zur Verantwortung ziehen.

Netanjahu wirft Abbas vor, den Israelis zu unterstellen, sie wollten den Status quo auf dem Tempelberg in Jerusalem ändern. Die Stätte ist Juden wie Muslimen heilig. Ein Streit um Besuchs- und Gebetsrechte auf dem Tempelberg, wo die muslimischen Heiligtümer - der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee - stehen, gilt mit als Auslöser der jüngsten Welle der Gewalt. Seit Monatsbeginn sind bei Anschlägen und Ausein andersetzungen mehr als 60 Israelis und Palästinenser getötet worden.

Netanjahu hatte den Konflikt kurz vor seinem Berlin-Besuch mit dem Vorwurf weiter angefacht, der frühere palästinensische Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, habe Adolf Hitler zur Ermordung der Juden in Europa angestiftet.

Der Vorwurf sorgte für Empörung bei den Palästinensern und Kopfschütteln und Widerspruch unter israelischen Historikern und Politikern. Die linksliberale israelische Tageszeitung "Haaretz" kommentierte am Donnerstag, Netanjahu habe einen zynischen und plumpen Versuch unternommen, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges zu verzerren und neu zu schreiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte bei einem Treffen mit Netanjahu am Mittwochabend zu dessen Äußerungen, Deutschland kenne die "Verantwortung der Nationalsozialisten für den Zivilisationsbruch der Shoa". Sie fügte hinzu: "Wir sehen keinen Grund, unser Bild der Geschichte zu verändern."

Netanjahu aber steckte nicht zurück und bekräftigte seine Kritik an dem früheren Großmufti: "Der Mann ist ein Kriegsverbrecher. Er ist ein Mann, der mit den Nazis kollaboriert hat."

Das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Israel und den USA wurde durch die jüngste Gewaltwelle weiter belastet. Washington hatte israelischen Sicherheitskräften "übertriebene Gewalt" vorgeworfen und beide Seiten "terroristischer Akte" beschuldigt. Diese Formulierung hatte das US-Außenministerium nach scharfer Kritik aus Israel dann aber abgeschwächt und das Recht Israels bekräftigt, sich zu verteidigen.

Zum Thema:
Die jüngste These von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu zur Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg ist laut der Chefhistorikerin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem "eindeutig faktisch falsch". "Wir zerbrechen uns alle den Kopf, warum Netanjahu das gesagt hat", sagte Dina Porat am Donnerstag. Der israelische Ministerpräsident hatte am Dienstag gesagt, Hitler habe zunächst nur die Vertreibung der Juden und keinen Massenmord an ihnen geplant gehabt. Der damalige palästinensische Großmufti Amin al-Husseini habe den NS-Diktator zur systematischen Vernichtung der Juden gedrängt. Später bekräftigte Netanjahu diese Sichtweise nochmal bei einem Besuch in Deutschland. Porat erklärte dazu, von einem Treffen Hitlers mit dem Großmufti im November 1941 in Berlin gebe es ein ausführliches Protokoll. "Darin kommt nichts vor, das beweisen könnte, was Netanjahu gesagt hat - dass der Mufti Hitler angeblich die Idee für den Massenmord gab."