An den Straßenbahnhaltestelle im Norden der Stadt stehen am Sonntagmorgen viele Paare, Familien mit Kinderwagen und Taschen, Kinder halten ihre Kuscheltiere fest. Fahrräder und Autos fahren vorbei - alle in Richtung Zentrum, raus aus der Evakuierungszone. Etwa 50 000 Menschen in Hannover sind betroffen. Es ist die zweitgrößte Aktion dieser Art in der Nachkriegszeit: In Augsburg mussten vor einem halben Jahr 54 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen.

In Hannover reagierten viele gelassen. Kornelia Elsmann, die als Betreuerin an der Senioren-Residenz Vahrenwald arbeitet, verbrachte den Tag in einer der Notunterkünfte, die in Schulen eingerichtet wurden. Die Unterkünfte wurden gar nicht voll. Viele Betroffene hielten sich bei sonnigem Wetter lieber draußen auf. Einige wie Dominik Kühn trafen sich bei Freunden zum Grillen. Er sagte: "Ein unwohles Gefühl habe ich nicht, aber als ich am Morgen die Einsatzwagen durch die Straßen habe fahren sehen und die Durchsagen zu hören waren - das war schon eine skurrile Stimmung. Fast wie in einem Endzeitfilm."

Christiane Bosold ging mit ihrem Mann und zweijährigen Kind in den Zoo und hatte sicherheitshalber den Kofferraum des Familienautos vollgepackt. Die Stadt Hannover hatte ein Freizeitprogramm organisiert: Der Eintritt in einige Museen und Schwimmbäder war kostenlos, Kinos boten Sondervorstellungen an. Das Angebot nutzten viele. Allein ins Sprengel Museum kamen bis zum Mittag 700 Besucher, sagte eine Mitarbeiterin. Sonst seien es bis mittags nur etwa 200 Besucher.

Mehr als 2400 Feuerwehrleute, Polizisten und andere Helfer waren im Einsatz - mit dabei auch etwa 180 Rettungs- und Krankenwagen sowie zwölf Busse, auf denen vorn "Evakuierung" stand. Gegen 14 Uhr galt das Areal als gesichert. Für die Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes wurde es am Nachmittag ernst: Drei Blindgänger galt es unschädlich zu machen. Zwei britische Fünf-Zentner-Bomben und eine Zehn-Zentner-Bombe wurden auf einem Baugelände identifiziert. Eine machte Probleme: Sie konnte nicht manuell entschärft werden, hieß es. Am Anfang waren die Einsatzkräfte noch von fünf Blindgängern ausgegangen. Zwei erwiesen sich als Metallschrott. Am Abend gab es Entwarnung. Alles war gutgegangen. Die Anwohner kehrten zurück in ihre Wohnungen.