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Gruben-Geschichten wie in der Lausitz

Ingrid Bachér liest aus ihrem im Jahr 2011 erschienenen Werk "Die Grube". Foto: Torsten Richter
Ingrid Bachér liest aus ihrem im Jahr 2011 erschienenen Werk "Die Grube". Foto: Torsten Richter FOTO: Torsten Richter
Spremberg. Die Vernichtung von Lebensraum durch den Braunkohlentagebau Garzweiler beschreibt das Buch "Die Grube". Die 81-jährige Autorin Ingrid Bachér präsentierte ihr Werk jetzt in Spremberg. Die Zuhörer erkannten dabei zahlreiche Parallelen zur Lausitz. Torsten Richter

Ingrid Bachér hat 22 Werke veröffentlicht und zahlreiche Preise in Empfang genommen. Doch als die 81-jährige Urenkelin des Dichters Theodor Storm während der Diskussion zu ihrem neuesten Werk "Die Grube" vom früheren Spremberger Museumsleiter Dr. Manfred Ihle erfährt, dass in der DDR bis Anfang der 1980er-Jahre die Erde der Friedhöfe einschließlich der darin Begrabenen der wegen des Bergbaus abgebaggerten Dörfer über das Förderband lief und irgendwo abgekippt wurde, stockt der Rheinländerin der Atem. Sie lebt in einem Braunkohlenrevier in der Nähe von Köln. Aber eine derartige Pietätlosigkeit wie die Überbaggerung von Grabstätten, ohne die Verstorbenen zuvor umzubetten, habe sie noch nie gehört, so Bachér.

Die Schriftstellerin weiß, wovon sie schreibt und spricht. Schließlich fiel ihr Dorf Garzweiler auch der Grube zum Opfer. Sie war vor Ort, als die Kirche abgerissen wurde. Noch heute erinnert sich die 81-Jährige an das Geräusch der Abrissbirne: "Dumpf wie ein Pochen, das Einlass verlangt." Die zahlreichen Zuhörer in der Spremberger Michaelkirche erkennen in Bachérs "Grube" Parallelen zur Lausitz. "Jede einzelne Buchseite trifft genauso auf unsere Gegend zu", sagt Marianne Kapelle aus dem ebenfalls von der Kohle bedrohten Dorf Proschim. Elf Dörfer hat der Tagebau Welzow-Süd bereits geschluckt. Alle hatte Marianne Kapelle gut gekannt. Ebenso das Schicksal ihrer Bewohner: "Wenn ich über den Römmler-Berg nach Spremberg eingefahren bin, habe ich die Bauern von Groß Buckow auf den Balkons ihrer Neubauwohnungen gesehen. Da blutete mir das Herz", erinnert sich die Proschimerin. Groß Buckow wurde Anfang der 1980er-Jahre abgebaggert. Pfarrer Johann-Jakob Werdin bestätigt: "Als ich in den 1970er-Jahren in die Spreestadt kam, sah ich in der Lustgartenstraße häufig die Umsiedler mit ihren Kaninchen auf den Balkons. Ein bedrückendes Bild."

Manfred Ihle berichtet, dass er die Sprengung von drei Kirchen gesehen hat und diese Vorgänge heimlich filmte. Fast 30 Jahre ist es inzwischen her, dass das Gotteshaus in Stradow fiel, 20 Jahre in Wolkenberg. Ihle erinnert sich sogar noch an die Entschädigung der Kohle an die Stradower Kirchgemeinde für ihr uraltes Bauwerk: "Es waren genau 200 Mark." Ingrid Bachér zeigt sich von den rüden Methoden zu DDR-Zeiten beeindruckt. Respekt zollt sie denjenigen Menschen, die trotz aller Hindernisse Widerstand gegen den Verlust ihrer Heimat leisten. "Es ist, als ob ein Trupp angeschlagener Reiter gegen eine Panzerarmee kämpft und nach Niederlagen immer wieder neu aufsteht." Häufig lasse die Zeit die Betroffenen gleichgültiger werden.

"Der Bergbau setzt auf Zermürbung", begründet Dr.Ernst-Peter Kühn, der als "Rebell von Lakoma" bekannt geworden ist. Zwei seiner bislang drei Heimatorte, Bückgen/Großräschen-Süd und eben Lakoma, fielen der Kohle zum Opfer. Doch der Kampf gegen die Abbaggerung sei nicht vergeblich gewesen.

Schließlich sei im Fall Lakoma erstmals in der Lausitz ein komplettes Dorf an einem neuen Standort wieder aufgebaut worden. Über 30 Familien zogen um. "Eine Leistung, die Respekt verdient", lobt Ingrid Bachér.