Motzek ist ein verrückter Sammler, das gibt er gern zu. Die mobile Modellbahnanlage hat er vor einigen Wochen aus der Konkursmasse der einst führenden Modellbahnfirma Lehmann-Groß-Bahn (LGB) in Nürnberg ersteigert. Wie viele Euro er dafür hinlegen musste, behält er für sich. Für ihn sei es schon etwas Großes gewesen, die Anlage überhaupt zu ergattern, denn die Nürnberger Schausteller des berühmten Christkindlesmarktes „standen allesamt Gewehr bei Fuߓ , sagt Motzek. Der Hänger mit der Groß-Bahnanlage (Spur G, Maßstab 1 : 22,5) - so wie er heute auf dem Burger Bahnhof steht - begeisterte schon Tausende Bahnfreunde in der Schweiz, in Holland, Frankreich oder Österreich.
„Ich habe mit der Bahnanlage auch ein Stück Brandenburg wieder nach Brandenburg geholt“ , freut sich Motzek und erklärt den Hintergrund: 1881 habe der Buchhalter Ernst Paul Lehmann mit dem Nürnberger Jean Eichner eine Fabrik für Blechspielwaren in Brandenburg eröffnet. Sie wurde wegen ihrer pfiffigen Figuren weltbekannt und beschäftigte in guten Zeiten bis zu 900 Menschen. Der Hauptmann von Köpenick oder Kletteraffe Tom waren Figuren, die bei Älteren noch gut bekannt sind und hohen Sammlerwert haben. Als der Firmengründer gestorben war, führte Johannes Richter die Geschicke weiter. Es folgte die Enteignung 1948, und aus der Firma wurde der VEB Mechanische Spielwaren Brandenburg. Richter ging nach Nürnberg, begann mit einer kleinen Werkstatt. Nach seinem Tode machten die Söhne weiter und schafften Ende der 60er-Jahre gegen beharrlichen Widerstand eingefleischter Modellbahnfreunde kleinerer Spurweiten den Durchbruch mit der Lehmann-Groß-Bahn Spurweite 45 mm. Diese Bahnen fuhren fortan regelrecht um die Welt.
Nach der Wende hatten die Firmeninhaber den Plan, nach Brandenburg zurückzukehren und in der denkmalgeschützten Fabrik wieder zu produzieren. Doch die Treuhand, so recherchierte Motzek, verlangte fünf Millionen D-Mark und forderte 500 Arbeitskräfte, wobei das Unternehmen in Nürnberg lediglich 240 hatte. Was in den Jahren danach kam, war wegen des Kostendrucks eine gehörige Schieflage in der Branche und gerade bei Spielzeugwarenproduzenten im Raum Nürnberg gab es Abwanderungen, Verlagerungen und Pleiten. Die Firma LBG Lehmann-Groß-Bahn wurde von Marktführer Märklin übernommen.
Es ist schon eine fast tragikomische Duplizität der Ereignisse: Motzek aus dem Spreewald ersteigerte die Visitenkarte eines einst großen Modellbahn- Unternehmens mit Brandenburger Wurzeln. Die Stadt Brandenburg selbst hatte vor Jahren die geschichtsträchtigen Fabrikanlagen der Lehmann-Blechspielwaren ersteigert. Heute sind sie saniert und dienen der Verwaltung. Ein Museum bewahrt die Blechspielzeuggeschichte.
Auf dem Spreewaldbahnhof in Burg aber fährt nun die Lehmann-Groß-Bahn weiter - obwohl der letzte Zug der Spreewald-Bahn 1970 aus dem Burger Bahnhof rollte. „Bahnhofsvorsteher“ und Inhaber Motzek ist für weitere Überraschungen gut: Um „Erinnerungen an die Zeit vor etwa 100 Jahren aufzufrischen“ , will er die Lokhalle des Bahnhofs, die neben der längst vergessenen Kohleladestelle für die Dampfloks stand, in moderner Form wieder beleben - mit einem Café. Dort sollen Kaffeebohnen aus Bremen frisch geröstet und eingeschenkt werden - zu Spreewälder Blechkuchen, denn Motzek ist auch Bäcker. Die Idee, Kaffee selbst zu rösten, sei ihm gekommen, als er in Hamburg das Schild „Spreewald-Malzkaffee Richard Meyer Cottbus“ fand. Die Cottbuser Malzkaffeefabrik soll einst in der Calauer Straße gewesen sein - mit Gleisanschluss versteht sich.