In der Werkstatt ist die Cezeta aufgebockt. Am alten tschechischen Motorroller kann Johannes Wollscheid jetzt öfter und in Ruhe friemeln. Von nun an hat der 60-Jährige Zeit für seine Leidenschaften Musik und Zweiräder. Am Silvestertag hat er den Kehrbesen an den Nagel gehängt.

46 Jahre lang war Johannes Wollscheid mit ordentlich Gepäck auf den Schultern auf die Dächer der Region gestiegen. Immer auf den Spuren des Bernsdorfer Großvaters, dem er stets nachgeeifert hatte. Von dort oben aus hat Johannes Wollscheid gesehen, wie sich die Landschaft vor, mit und nach der Kohle verwandelte. Auch viele Dächer sind verschwunden, erinnert sich nachdenklich. Die von Großräschen-Süd, Rauno, Reppist oder Mathilde zum Beispiel, die noch zum Kehrbezirk gehörten, als er ihn am 1. Mai 1983 als selbstständiger Bezirksschornsteinfegermeister übernommen hatte.

"Auf dem Dach zu arbeiten, ist einfach schön", fasziniert ihn seine Arbeit immer noch. "Da oben herrscht herrliche Stille, niemand stellt komische Fragen", lacht er verschmitzt.

Das sieht auch Sohn Mario so. Für den heute 37-Jährigen war schon mit 14 Jahren klar, dem Vater aufs Dach folgen zu wollen. Bei ihm hat er den Beruf von der Pike auf gelernt. Im letzten Jahr ist zum Meisterbrief noch die Qualifikation als Gebäude- und Energieberater gekommen. "Bloß gut, die hat mir wahrscheinlich die Bestellung gerettet", lacht der rotblonde junge Mann erleichtert.

Dem Vater als Bezirksschornsteinfegermeister im gleichen Gebiet folgen zu können, geht schließlich weder automatisch noch selbstverständlich. Die Kehrbezirke, für die das Wirtschaftsministerium des Landes Schornsteinfeger bestellt, müssen seit 2010 bundesweit ausgeschrieben werden. Nach einem Punktesystem werden dann die Bewerber begutachtet. Da werden Gesellen- und Meisterzensuren unter die Lupe genommen und Weiterbildungen abgefordert. Mario Wollscheid hat es geschafft. Seit 1. Januar 2013 darf er für sieben Jahre als bestellter selbstständiger Bezirksschornsteinfegermeister den Handwerksbetrieb führen und ist damit wie der Vater für Feuerstätten in Sedlitz, Hörlitz, Schipkau, Proschim und Teile von Senftenberg und Brieske zuständig. Danach muss er sich neu bewerben.

Das Ende des Schornsteinfegermonopols schreckt ihn nicht. "Wir haben 2200 Grundstücke in unserem Verantwortungsbereich. Die alle gut zu betreuen, ist Arbeit genug." Deshalb halte er auch nicht Ausschau, um Kunden aus anderen Bezirken zu werben. Zwar habe er selbst schon Nachfragen von Hausbesitzern, doch wolle es genau überlegt sein, sie anzunehmen. "Da kommen Fahrtkosten und Zeitaufwand hinzu, sodass es sich selten rechnet", wägt er ab. Statt dessen wolle er den Hauseigentümern in seinem Kehrbezirk weiter seinen Service und die Überwachung der Feuerstellen anbieten. So blickt er hoffnungsvoll in die Zukunft und hat sogar, weil mit dem Vater auch die Mutter als bisherige "Verwaltungschefin" den kleinen Familienbetrieb verlässt, eine Mitarbeiterin fürs Büro eingestellt. "Da muss ich mich nicht um den Schreibkram kümmern und kann mehr aufs Dach." Außerdem soll Zeit für die Familie bleiben, die im Frühjahr nach der vierjährigen Sarah zum zweiten Mal Nachwuchs bekommt. Balance zwischen Arbeit und Freizeit gehört für den jungen Meister ebenso zur Lebensqualität wie sein Hobby, Musik zu machen, sich ins Dorfleben einzubringen. "Wir sind eine Handvoll Gleichaltriger in Sedlitz, die hiergeblieben sind", sagt er. Man müsse Verantwortung übernehmen.

Spaß macht den Wollscheids auch, auf der Straße als Glücksbringer erkannt zu werden. Sie genießen den Zauber, der ihren Berufsstand umgibt: den Schornsteinfeger zu berühren oder wenigstens einen Knopf seiner zünftigen Kleidung bringe Glück. Auch wenn sie doch wissen, dass der Ursprung dieses Glaubens ganz praktischer Natur ist: Ein verstopfter Kamin steht für Brandgefahr, Rauchvergiftungen und Hunger. Also war das Auftauchen eines Rauchfangkehrers ein Glücksfall für die Menschen. Und so soll es auch bleiben, sagen die Wollscheids.