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Geschichtsunterricht hinter Gefängnisgittern

Mit Hana Hlásková verfügt das Menschenrechtszentrum Cottbus über eine eigene Bildungsreferentin.
Mit Hana Hlásková verfügt das Menschenrechtszentrum Cottbus über eine eigene Bildungsreferentin. FOTO: Nicole Nocon
Cottbus. An dem Ort, wo Menschen über Jahrzehnte ihrer Freiheit und ihrer Rechte beraubt wurden, können junge Leute von nun an erleben und lernen, wie wertvoll die Demokratie ist. Die Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus bietet maßgeschneiderte Führungen und Projekte für Jugendliche an. Nicole Nocon

Hana Hláskovás Büro hat vergitterte Fenster. Das ändert nichts daran, dass die junge Frau sehr glücklich ist an ihrem Arbeitsplatz. Hana Hlásková ist die Bildungsreferentin des Cottbuser Menschenrechtszentrums. Erst im März hat die gebürtige Tschechin ihren neuen Job angetreten. Ihre Lehrerstelle in Leipzig hat sie gekündigt, als sie das Angebot bekam, in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus Bildungsprojekte zu betreuen.

Ein bis zwei Gruppen von Schülern und Jugendlichen kommen im Schnitt bereits jetzt jede Woche ins Menschenrechtszentrum, um bei einem Besuch der Gedenkstätte etwas über die Geschichte des Zuchthauses sowie den Alltag und die Biografien der Häftlinge zu erfahren. "Oft wird der Wunsch geäußert, mit einem Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Dafür stellen sich ehemalige Häftlinge gerne zur Verfügung. Ich biete den Gruppen Führungen und zusätzliche Hintergrundinformationen an oder schnüre ganze Programmpakete für Projekttage", sagt Hana Hlásková. Mögliche Schwerpunkte seien etwa die Verbindung der Staatssicherheit zu dem Gefängnis oder die politische Verfolgung in der DDR. "In ganztägigen Veranstaltungen können sich zum Beispiel Schüler mit dem Thema Zivilcourage und Widerstand in der Diktatur befassen oder mit der Frage, wie sich Demokratie gestalten und erhalten lässt", sagt Hana Hláskova. Zuletzt hatte das Menschenrechtszentrum einen Wettbewerb zum Thema Zivilcourage und Widerstand ausgeschrieben. "Die jungen Leute hatten drei Monate Zeit, sich in Kunstprojekten mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Gewinner werden sich am kommenden Sonntag ab 10 Uhr im Menschenrechtszentrum präsentieren", kündigt Hana Hlásková an.

Der Besuch einer Gedenkstätte steht auf dem Lehrplan Brandenburgischer Schulen. "Das Interesse der Lehrer ist durchaus vorhanden. Und auch wenn die Schüler anfangs manchmal etwas skeptisch wirken, habe ich festgestellt, dass die Atmosphäre des Gefängnisgeländes die meisten von ihnen ergreift. Und gerade im direkten Kontakt mit den Zeitzeugen wird das Interesse der jungen Leute geweckt. An der Reaktion der Jugendlichen ist erkennbar, dass ihnen hier bewusst wird, wie gut es ihnen geht und dass es keine Selbstverständlichkeit ist, in einer Demokratie zu leben", sagt die Bildungsreferentin.

Ideen für weitere Projekte hat Hana Hlásková, die mit Historikern und der Gedenkstättenpädagogin des Landes zusammenarbeitet, viele. "Gemeinsam mit Jugendlichen wollen wir Interviews mit Cottbusern führen, in denen es darum geht, wie sie das Zuchthaus zu DDR-Zeiten wahrgenommen haben. Wir wollen Dialog mit den Menschen suchen, zu deren alltäglicher Umgebung das Gefängnis gehört hat", erklärt sie. Darüber hinaus arbeitet das Menschenzentrum daran, aus dem Interviewfilm des Regisseurs Heiner Sylvester, der 20 Zeitzeugen zu ihren Erinnerungen an das Cottbuser Zuchthaus befragt hat, eine Version für die Schulen zu erstellen und ergänzende Unterrichtsmaterialien zusammenzustellen. "Der Titel steht schon fest: Eingesperrt in Cottbus", sagt Hana Hlásková.

Eines ist ihr und ihren Kollegen vom Menschenrechtszentrum ganz wichtig: "Wir wollen die Geschichte nicht einseitig darstellen. Die DDR hatte viele Gesichter. Wir wollen unsere Besucher anregen, verschiedene Perspektiven einzunehmen. Für Lehrer kann es schwer sein, jungen Leuten, die in einem freien Land aufgewachsen sind, die dunklen Seiten des Regimes anschaulich zu vermitteln.

Hier in der Gedenkstätte wird diese Seite der Geschichte an einem authentischen Ort nachvollziehbar."

Wer sich für die Bildungsangebote und Projekte des Menschenrechtszentrums interessiert, erreicht es unter der Telefonnummer 0355 290133-15. Weitere Informationen zu den pädagogischen Angeboten gibt es auf der Internetseite www.menschenrechtszentrum-cottbus.de.