Die Freude war also groß, als die Herren Phil Collins, Tony Banks und Mike Rutherford vor einiger Zeit ankündigten, eineinhalb Jahrzehnte nach der eigentlich endgültigen Trennung doch noch mal gemeinsam auf Tour zu gehen. Es ist zwar nur ein Teil der klassischen Formation (damals mit Steve Hacket und Peter Gabriel), aber gerade in Deutschland beglückten sie mit der Reunion trotzdem besonders viele Fans. Das Berliner Olympiastadion war am Dienstag deshalb fast ausverkauft.
58 000 Menschen erlebten eine Greatest-Hits-Show, die wohl sämtliche Zuschauer zufrieden gestellt haben dürfte. Was ja schwieriger war, als es klingt. Denn das Bandprojekt Genesis hat sich musikalisch im Laufe seiner jahrzehntelangen Existenz chamäleongleich gewandelt. Vom ziselierten, verschwurbelten Kunstrock der frühen Siebziger bewegte man sich nach dem Abgang von Frontmann Peter Gabriel und der Mikromachtübernahme von Phil Collins peu à peu hin zum virtuosen Mainstreamrock. Bis das Virtuose irgendwann ganz weg war und nur noch die Platte "We Can't Dance" übrig blieb - mit seichtem Edelpop, der mit Art Rock soviel zu tun hat wie Formatradio mit Hörgenuss. Es war die Zeit, als Genesis nur noch klang wie die Begleitband des Solokünstlers Phil Collins.
Dass es Genesis am Dienstagabend trotzdem schafften, im vom Regen verschonten zweieinhalbstündigen Konzert die sehr unterschiedlichen Fangruppen in Entzücken zu versetzen, lag schlicht an ihrem Set, das Songs aus jeder Bandphase enthielt. Die Ur-Fans, in der Regel Männer im Alter um die 50 Jahre, schwelgten zu "The Cinemashow" und "I Know What I Like", ihre Angetrauten eher zu den Phil Collins-Schnulzen "Hold On My Heart" sowie "No Son Of Mine" und am Ende alle zusammen bei "Carpet Crawlers" vom legendären 74er-Album "The Lamb Lies Down On Broadway".
Beachtlich war nicht nur, in welchem für Stadienverhältnisse hervorragenden Sound die Band ihre Musik regelrecht in die Ohren der Zuschauer drückte, sondern auch, in welch guter Verfassung sich die auf Tour traditionell mit Gitarrist Daryl Stuermer und Schlagzeuger Chester Thompson ver stärkte Band präsentierte.
Sänger Phil Collins, der sich ja einst wegen eines Hörleidens von der Bühne zurückgezogen hatte, zeigte sich gut bei Stimme und auch in bester Kondition. Seine Trommeleinlagen - grandios das Duett mit Drummer Chester Thompson, welches in "Los Endos" überging - beeindruckten ebenso wie die Genesis-typische bombastische Lichtshow.
Die Bühne sah aus wie eine riesige Taucherbrille (mit Ohren, in denen Nahaufnahmen vom Geschehen liefen) von Käpt'n Nemo aus "20 000 Meilen unterm Meeresgrund". Ganz so tief waren Genesis vor 14 Jahren zwar nicht abgetaucht, aber der Jubel über das Comebackkonzert bewies: Vermisst wurden sie doch sehr. Wer die Erinnerung an den Abend auch als Tonkonserve haben möchte, kann den Livemitschnitt demnächst sogar offiziell als CD kaufen.