Nach Emilies Besuch der Integrationskita in Finsterwalde stand die Mutter 2011 vor der Frage, in welche Schule ihre Tochter gehen sollte. Ihr Wunsch war seinerzeit die Förderschule mit dem Schwerpunkt "Lernen" in Finsterwalde. Hier glaubte sie ihre Tochter am besten aufgehoben. "Mir geht es um die Kinderseele", hatte die Mutti im Mai vorigen Jahres in der RUNDSCHAU kommentiert.

Doch in der Förderschule "Lernen" ist keine erste Klasse mehr gebildet worden. Ein Vorbote auf dem Weg zur inklusiven Schulbildung. Bei der Wahl zwischen der Grundschule Rückersdorf und der Förderschule für geistig Behinderte in Finsterwalde entschied sich die Gruhnoerin schließlich für Rückersdorf. Sie ging davon aus, dass ihr Kind in Finsterwalde unterfordert sein könnte. Mit dem Blick nach Rückersdorf befürchtete sie allerdings bereits zu dieser Zeit eine Überforderung und Mobbing. Diese Befürchtung hat sich bewahrheitet. Inzwischen ist Emilie an die Schule für geistig Behinderte gewechselt. Den letzten Anstoß dazu hatte das Ergebnis eines IQ-Testes gegeben. Die achtjährige Emilie leidet am Floating-Harbor-Syndrom. Es ist gekennzeichnet unter anderem durch Kleinwuchs und die verzögerte Entwicklung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit sowie Minderbegabung. In der Literatur wurden bisher weniger als 50 Fälle beschrieben. Der allgemeine Gesundheitsstatus und die Lebensqualität der Betroffenen gilt als gut. "Bei Emilie paart sich diese Erkrankung mit mutistischen Zügen", erklärt die Mutter. Das bedeutet: Das Mädchen spricht nur in vertrautem Personenkreis, verschließt sich gegenüber Fremden.

Nicht heimisch geworden

Dass sie an der Rückersdorfer Grundschule nicht heimisch werden konnte, wurde ihrer Mutter leidvoll bewusst. "Sie kam mit einer Nasenfraktur, mit einem Loch im Kopf nach Hause. Sie hatte ständig Bauchweh und Kopfschmerzen und wollte nicht zur Schule gehen", erzählt Janet Hellmich-Gruß. "Meine Versuche, sie mit Worten wie ,Es ist doch schön in der Schule' aufzumuntern, gaben mir jedes Mal einen Stich ins Herz", sagt sie weiter. Sie räumt allerdings ein, dass ihre Tochter nach längerer Zeit des In-sich-hinein-Stopfens von Verletzungen auch mal zurückgeben könne. Dabei ziehe sie dann allerdings meist den Kürzeren.

Häufig mit Kritik konfrontiert

Gelernt habe Emilie viel in ihrem ersten Schuljahr in Rückersdorf. Doch von zwei Lehrern für die Klasse sei einer lange Zeit krank gewesen, sodass die Betreuung der Gruppe bei einem Lehrer und der Einzelfallhelferin gelegen habe. Häufig sei sie mit der Kritik von Eltern gesunder Kinder konfrontiert worden, die in Emilie ein Hemmnis für die Lernerfolge ihrer eigenen Sprösslinge gesehen haben. "Hinzu kam, dass Emilie weniger Aufgaben als die anderen zu lösen hatte und dafür oft bessere Noten bekam. Das verstand auch keiner", so Janet Hellmich-Gruß.

Seit dem neuen Schuljahr besucht Emilie nun die Förderschule für geistig Behinderte in Finsterwalde. "Sie hat kein Bauchweh mehr und freut sich, wenn sie ,ihre Johanniter' zur Schule bringen", so die Mutter erleichtert. Ihr Fazit nach einem Jahr Regelgrundschule: "Für geistig Behinderte ist Inklusion Gift." Eine Einschränkung sieht die Mutter allerdings: "Inklusion könnte gelingen, wenn behinderte und nicht behinderte Kinder von klein auf miteinander aufwachsen und sich auch die Erwachsenen im Umfeld anders verhalten." Gern erinnert sie sich an die Zeit, in der ihre Tochter in der Sängerstadt-Integrationskita betreut wurde. Die stellvertretende Leiterin dieser Kita, Christel Winzer, bestätigt aus ihrer Erfahrung: "Je früher behinderte und nicht behinderte Kinder zusammenkommen, desto besser. Das Anderssein wird so von Anfang an als etwas Normales empfunden." Unter den Jüngsten sei eine große Toleranz und Rücksichtnahme wie etwas Selbstverständliches zu beobachten.

Wie der Schulwechsel von Emilie in der Grundschule in Rückersdorf und vom zuständigen Schulrat für Förderschulen und Ex-Schulleiter der Förderschule "Lernen" in Finsterwalde, Uwe Mader, gesehen wird? Nachfragen der RUNDSCHAU bleiben ohne konkrete Antwort. Uwe Mader: "Diesen Einzelfall als nicht gelungenes Beispiel für mögliche Inklusion in die Öffentlichkeit zu bringen, halte ich für ungünstig." Für Janet Hellmich-Gruß ist dieser Einzelfall jedoch ein wichtiger Fall. Sie fragt sich: Was wäre, wenn es die Förderschule für geistig Behinderte für ihre Tochter auch nicht mehr geben würde?