Claudia Palmer musste ihrem Mann hilflos beim Sterben zusehen. "Es war ein Höllentrip", erinnert sich die 32-Jährige. Eine Lungenentzündung habe ihn so sehr geschwächt, dass er in ein Krankenhaus kam. Dort sei die Diagnose "HIV, Stadium Aids" gestellt worden. "Jeden Tag gab es ein neues Problem, mal war es eine Pilzinfektion im Mund, dann wund gelegene Stellen oder wieder etwas anderes", erzählt die Frau, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Eine HIV-Therapie konnte ihm nicht mehr helfen, sein Körper war zu geschwächt. Nur fünf Monate nach der Diagnose starb der damals 31-Jährige, der sich als ehemals Drogenabhängiger infiziert hatte.

Auch bei Palmer wiesen die Ärzte HI-Viren nach. Doch dank einer rechtzeitigen Therapie hält ihr Immunsystem die Aids-Erreger in Schach. "Ich bin froh, so früh mit den Medikamenten begonnen zu haben", freut sie sich. Die Zahl ihrer Helferzellen - ein Indikator für die Stärke des Immunsystems - lag beim Therapiestart vor fünf Jahren noch bei über 500 pro Mikroliter Blut. Laut der damaligen Leitlinienempfehlungen wäre ein Beginn erst bei etwa 350 Helferzellen angemessen gewesen. Doch als Teilnehmerin der internationalen "START-Studie" zum optimalen Zeitpunkt des Therapiebeginns hatte Palmer die Möglichkeit, relativ früh anzufangen.

Zu mehr Aufklärung - unter anderem über Therapien - soll auch der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember beitragen. Kürzlich hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihren Kurs radikal geändert. Jetzt sollten aus Sicht der Organisation alle Menschen, bei denen eine HIV-Infektion festgestellt wird, unverzüglich moderne Medikamente erhalten. Neue klinische Studien hätten gezeigt, dass eine sofortige Therapie mit antiretroviralen Mitteln das Leben der Patienten verlängere, teilte die WHO Ende September mit.

"Dieser Dogmenwechsel ist vor allem ein Resultat der START-Studie", sagt die Sprecherin der Deutschen Aids-Gesellschaft, Annette Haberl. "Es spricht alles dafür, dass jeder Patient unabhängig von der Helferzellenzahl sofort behandelt werden sollte", so die Ärztin, die im HIV-Center des Frankfurter Uni-Klinikums auch Claudia Palmer betreut.

Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) wissen in Deutschland etwa 13 200 von 83 400 Menschen mit HIV/Aids nichts von ihrer Infektion. Das ist etwa jeder sechste Betroffene. Etwa 82 Prozent der Diagnostizierten würden bereits mit antiretroviralen Medikamenten behandelt, berichtet Daniel Schmidt von der RKI-Abteilung für Infektionsepidemiologie.

"Wir wollen besser werden und unsere anonymen und kostenlosen Testangebote ausbauen", kündigt Referent Armin Schafberger von der Deutschen Aids-Hilfe an. Allerdings will sich nicht jeder testen lassen. "Vor allem Angst vor Diskriminierung und der Glaube, mit HIV sei ein erfülltes Leben nicht mehr möglich, halten Menschen vom HIV-Test ab", sagt Vorstandsmitglied Ulf-Arne Hentschke-Kristal.

Die WHO-Empfehlung zur frühzeitigen Therapie hat weltweit enorme Konsequenzen: Die Zahl der HIV-Infizierten, die Medikamente brauchen, steigt demnach von bisher 28 Millionen auf 37 Millionen. "Derzeit werden etwa 15 Millionen Menschen behandelt. Damit wurde bereits ein Meilenstein erreicht", sagt Philipp Frisch von Ärzte ohne Grenzen. Diese Zahl mehr als zu verdoppeln sei eine gigantische Aufgabe, aber eine sehr lohnenswerte Investition, die ohne zusätzliches Geld von der internationalen Gemeinschaft nicht machbar sei.

"Eine sehr frühe Therapie hat das Potenzial, die Epidemie signifikant zurückzudrängen", betont der Leiter der Medikamentenkampagne in Deutschland.