Niemand hat sie kommen sehen, niemand sah sie gehen. Aber das Gerücht ist hartnäckig, dass Elisabeth Fritzl trotz ihres 24 Jahre andauernden Martyriums noch einmal ihren Vater sehen wollte und unerkannt im Gerichtssaal von St. Pölten war. Womöglich hat sie damit die Grundlage dafür gelegt, dass der 73-Jährige einen überraschenden Sinneswandel vollzog und ein vollständiges Geständnis ablegte. Er räumte darin nicht nur den Mord durch Unterlassen an einem seiner Babys ein. Fritzl zeigte auch zum ersten Mal Reue. „Ich bedauere“, sagte er zum Tod des kleinen Michael.

Verteidiger Rudolf Mayer darf keine Angaben zu den Inhalten der nicht-öffentlichen Verhandlung am Dienstag machen. Doch er bestreitet auch nicht, dass Elisabeth auf den Zuschauerbänken saß und sein Mandant deshalb gestand. Falls sie anwesend war, „wird das sicher einen starken Auslösungseffekt gehabt haben“, antwortet er vielsagend.

Schockiert und beschämt

In jedem Fall war Fritzl nach eigenem Bekunden sehr von der elfstündigen Videobefragung seiner Tochter beeindruckt. Nach dem Abspielen der Bänder, auf denen Elisabeth über die Vergewaltigungen durch den Vater, die Geburt der sieben Kinder und den Tod des zwei Tage nach seiner Geburt gestorbenen kleinen Michael 1996 berichtete, benötigte der 73-Jährige psychologische Hilfe. Noch am Mittwochvormittag wirkte er schockiert und beschämt.

Das Böse fing klein an

Die Frage nach dem Warum beantwortete Fritzl in seinem mit leiser Stimme und unter Tränen vorgetragenen Geständnis indes nicht. Dafür versuchte die Psychiaterin Adelheid Kastner, den Geschworenen und dem Gericht einen Einblick in die Psyche des in aller Welt nur als „Inzest-Monster von Amstetten“ beschriebenen Mannes zu geben. Statt das Bild eines Monsters zeichnete sie einen Lebensweg, in dem die bösen Taten klein anfingen und dann wie eine Lawine immer stärker und zerstörerischer wurden.

Fritzl sei von seiner Mutter ständig geschlagen worden und habe kaum Freunde gehabt, trug die Psychiaterin aus ihrem Gutachten vor. „Herr Fritzl hat seine Kindheit weitgehend in Angst verbracht.“ Die Wende vom Opfer zum Täter brachte nach ihrer Auffassung dann ausgerechnet ein positives Erlebnis: Eines Tages habe Fritzl die Schule geschwänzt und sei von einem Lehrer entdeckt worden. Doch statt ihn zu beschimpfen, sei der Lehrer fürsorglich gewesen. „Das war der Wendepunkt in der Beziehung zur Mutter.“

Von nun an habe Josef sich deren Schläge nicht mehr gefallen lassen. Die Umkehr des Ohnmächtigen habe zu einem „grandiosen Machtbedürfnis“ geführt. Gleichzeitig sei er in die Pubertät gekommen, was dieses Bedürfnis mit dem Sexuellen verbunden habe. „Er nimmt wahr, dass er zum Vergewaltigen geboren ist“, sagte Kastner über den Angeklagten, für den sie die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt empfahl.

In ihren beklemmenden Ausführungen betonte die Gutachterin, dass sie Fritzl trotz seiner Geschichte für voll schuldfähig hält. „Herr Fritzl war immer im Bewusstsein seines schuldhaften Handelns.“ Ein schlechtes Gewissen habe er aber nicht gekannt. Er sei in der Lage gewesen, mit seiner Frau und ihren gemeinsamen Kindern ein normales Leben zu führen und dabei das Schicksal seiner Kinder im Kellerverlies auszublenden. Alleine beim Einschlafen und beim Aufwachen habe er daran gedacht.

Zeitschaltuhr gab es nicht

Wie ein technisches Gutachten belegte, nahm Fritzl skrupellos in Kauf, dass seine eingesperrten Kinder gestorben wären, falls ihm auf seinen Reisen etwas zugestoßen wäre. Eine Zeitschaltuhr, die das Verlies geöffnet hätte, gab es anders als von ihm behauptet nicht.

Die Gutachterin beantwortete auch die Frage, warum ausgerechnet die drittälteste Tochter Elisabeth, damals 18 Jahre alt, von ihrem Vater für das Kellerverlies ausgewählt wurde. Fritzl habe dies mit der großen Ähnlichkeit zu ihr begründet. „Die war so stur wie ich, die war so stark wie ich.“ Am Ende ist es ihr vor Gericht gelungen, seinen Willen zu brechen.