Eine junge britische Austauschstudentin wird in einer kalten November-Nacht in Perugia vergewaltigt und brutal ermordet. Die Rede ist von wilden Sexspielen, die ausufern. Ihre amerikanische Mitbewohnerin und deren Freund geraten unter Mordverdacht. Beide beteuern im Verhör ihre Unschuld. Das alles geschieht im Spätherbst 2007 in der italienischen Stadt in Umbrien.

"Engel mit den Eisaugen" taufen Medien die hübsche Studentin Amanda Knox von der US-Westküste. Sie wird verhaftet, verurteilt und später doch wieder freigesprochen. Viele Zweifel blieben in den beiden Indizienprozessen.

Nun hat das römische Kassationsgericht den Freispruch für die 25-jährige Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito (29) annulliert. In Florenz kommt der spektakuläre Mord neu vor Gericht. Dort könnte schon in wenigen Monaten das nächste Kapitel geschrieben werden. Ob Knox bei dem Verfahren dabei sein wird, ist fraglich. Sie lebt seit ihrem Freispruch wieder in den USA.

Ist die junge Frau eine Mörderin? Knox beteuerte stets, nichts damit zu tun zu haben, weinte und flehte vor Gericht. Für die Medien war die blonde, blauäugige Studentin zuerst ein "Teufel im Engelsgewand", dann die Unschuldige hinter Gittern.

Der Prozess bekam Aufmerksamkeit wie kaum ein anderer in Italien - allein mehr als 400 Medienvertreter waren beim Freispruch 2011 dabei. Die US-Medien sparten dann auch nicht mit bösen Seitenhieben auf "Unzulänglichkeiten" der italienischen Justiz.

Knox habe vor dem jüngsten römischen Verdikt eine schlaflose Nacht in Seattle gehabt, wo sie studiert, berichtet ihr Anwalt Carlo Dalla Vedova. Nach einem Telefongespräch mit ihr sagt er: "Sie ist enttäuscht, aber nicht verzagt, so was würde auch nicht ihrem Charakter entsprechen."

Der Anwalt der Familie Kercher feiert dagegen einen Sieg, die Schwester der Getöteten weint Freudentränen. Alle warten jetzt auf die Begründung der Kassationsentscheidung.

Die weltweite Aufmerksamkeit nutzte Knox auch für sich. Sie schrieb ein Buch, Ende April will der US-Fernsehsender ABC ein exklusives Interview mit ihr ausstrahlen. Ihre Autobiografie erscheint strategisch klug am selben Tag. Dass der "Engel mit den Eisaugen" zu seinem Berufungsprozess kommt, gilt als unwahrscheinlich.

Bis zu ihrem Freispruch hatten Sollecito und Knox fast vier Jahre hinter Gittern verbracht. Lange Zeit galt ihre Schuld als sicher. 2009 wurden Knox und der drei Jahre ältere Sollecito in einem umstrittenen Indizienprozess zu 26 und 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Ivorer Rudy Guede sitzt wegen Beihilfe zum Mord hinter Gittern - seine Verurteilung zu 16 Jahren Haft in einem abgetrennten, schnelleren Verfahren ist endgültig.

Ob die Fragen zur Mordnacht im November 2007 jemals beantwortet werden können? Meredith Kercher starb 21-jährig in ihrem Zimmer in dem Haus, das sie sich mit Knox und anderen Studenten teilte. Am Morgen des 2. November fand man sie mit durchgeschnittener Kehle, halbnackt und mit Messerstichen übersät.

Experten verweisen allerdings auf das geltende US-amerikanische Recht, demzufolge in den Vereinigten Staaten niemand zwei Mal wegen desselben Verbrechens vor Gericht gestellt werden dürfe. Umgekehrt könnten die italienischen Stellen darauf pochen, dass nach ihrem Landesrecht ein Verfahren erst dann abgeschlossen sei, wenn es alle Instanzen durchlaufen habe.