Herr Professor Otto, viele dieser Ruinen sind doch inzwischen ein Schandfleck in der Stadt. Warum sollte man sie nicht einfach abreißen?
Weil sie Kapital der Stadt sind. Im Prinzip sind sie wie ein Rohbau. Das heißt: Etwa 20 Prozent des Neubaus steht schon fertig da. Außerdem kostet Abriss auch Geld.Lassen sich die alten Mauern tatsächlich noch nutzen?
Ja. Die Fabrikgebäude sind sehr stabil gebaut, durch ihre Skelettkonstruktion mit tiefen Räumen sind sie sehr anpassungsfähig, weil beliebig Grundrisse verändert werden können, und sie halten enorme Lasten aus. Deshalb wäre die Pürschel-Fabrik ideal gewesen zum Bau des Neißezentrum (NWWK). Ein Archiv bringt enorme Lasten mit sich, die für das Gebäude kein Problem gewesen wären. Zudem bieten die Fabriken guten Brandschutz.Auch nach heutigen Standards?
Insbesondere Textilfabriken waren früher besonders durch Feuer gefährdet. Häufig gab es Schwelbrände, bei denen Holzkonstruktionen einfach abbrannten. In Forst kamen bereits Stahlbetonkonstruktionen zum Einsatz. Die genügen auch heutigen Brandschutzstandards.Theoretisch ließen sich ja auch Wohnungen einbauen. Aber das gibt der Markt in Forst nicht her. Andererseits wird sich in den Gebäuden kaum Industrie ansiedeln.
Das ist sicher eine Marktsache. In Cottbus gibt es gute Beispiele für Wohnungen in Industriegebäuden in der Parzellenstraße. Vielleicht fehlt in Forst dafür die Klientel. Viele bevorzugen sicher Einfamilienhäuser. Zudem hat die Stadt auch Probleme mit Wohnungsleerstand. Sind die Gebäude überhaupt noch zu retten?
Das Ziel muss sein, dass Kapital zu erhalten. Wer weiß denn, wie sich die Region in 15 Jahren entwickelt. Viele der Verantwortlichen in Forst sehen auch den Wert der Objekte. Wichtig ist, dass die Gebäude gesichert werden. Also: Dach zu und Schutz vor Vandalismus. Ich kann ein Beispiel nennen. In Dessau gibt es ein Gebäude der Junkers-Werke. Darin wurde über die Jahre randaliert und es drang Wasser ein. Plötzlich stand der Enkel von Hugo Junkers mit Stiftungsgeld da. Bernd Junkers könnte sich die Fabrik als Stiftungssitz vorstellen. Und jetzt stehen alle vor der Frage: Geht das dort überhaupt noch. So etwas ist ärgerlich. Häufig helfen auch Zwischennutzungen. Wenn etwa Handwerksbetriebe etwas in den Hallen abstellen können, kümmern sie sich auch. Die rufen dann sofort an, wenn es rein regnet. Gibt es Beispiele, wo es mit einem Neustart geklappt hat?
In Polen. Zary hat eine Fabrik in städtischen Besitz gebracht. Dann haben sich dort junge Firmen angesiedelt. Handwerker, Computer-Techniker und auch ein Bauunternehmer. Aus dem Bauunternehmen hat sich eine polnische Baumarkt-Kette entwickelt. Das hat hervorragend geklappt, dabei liegt Zary auch nicht besser als Forst. Warum hat es dann hier nicht funktioniert?
Ein Hauptproblem war das Prinzip "Rückgabe vor Entschädigung" nach der Wende. Wegen unklarer Besitzverhältnisse konnten Städte oft nichts in den Gebäuden entwickeln. Oder die Gebäude wurden zur Spekulationsmasse. Dann fehlt nur noch das Engagement der Leute vor Ort. In Forst ist auf jeden Fall der Wille da. Was sind in Forst besonders bedeutende Industrie-Gebäude?
Die Fabrik Noack/Bergami und der Pürschel-Bau. Bei der um 1860 gebauten Fabrik Noack/Bergami ist die geschichtliche Entwicklung der Industriearchitektur von der Frühzeit bis zum Ende der DDR abzulesen. Es wurde immer wieder überbaut und angebaut. Der Pürschel-Bau von 1920 ist in einem besonders guten Zustand und besticht im Gegensatz dazu durch seine Einheitlichkeit. Mit Professor Markus Otto sprach Jan Selmons