Es gab Zeiten, da wusste Lizbeth Martell nicht, wie sie am nächsten Tag über die Runden kommen sollte. Die Immobilienblase war geplatzt, es ging nur noch bergab, in Florida steiler als fast überall sonst im Land. Lizbeth Martell verlor ihre Arbeit bei einem Bauunternehmer, damals war sie alleinerziehende Mutter und musste jeden Cent dreimal umdrehen. "Es war, als wären die Lichter ausgegangen. Ich habe nichts mehr verdient. Null. Nada", sagt sie

Aus der Talsohle des Jahres 2008 ging es langsam wieder nach oben. Heute managt Lizbeth eine Hausverwaltung. Sie hat Rafael, einen Automechaniker, geheiratet. Im Urlaub fahren die beiden auf Kreuzfahrtschiffen in die Karibik. An den Republikanern gefällt ihr, dass sie das Business Business sein lassen, ohne sich groß einzumischen. Der Staat, auch das gehört zu ihren Überzeugungen, müsse für ein Bildungssystem mit Chancen für alle sorgen, und das traut sie eher den Demokraten zu.

Zunächst pro Trump

Als das Gerücht kursierte, Donald Trump werde fürs Weiße Haus kandidieren, fand sie zunächst Gefallen an der Idee. Endlich mal einer, der frischen Wind in der Politik bringen würde. "Aber dann hat er den Mund aufgemacht", sagt Lizbeth Martell und rollt mit den Augen. Sie meint den Tag, an dem der Baulöwe seine Bewerbung bekannt gab und auf Vergewaltiger aus Mexiko schimpfte. Damals schwankte sie noch, dann folgten all die Geschichten über Trumps Umgang mit Frauen. Sie gaben den Ausschlag, dass Lizbeth Martell nun sehr genau weiß, wen sie wählt. Hillary Clinton.

"Der Mann ist ein Schwein", sagt die 43-Jährige mit einer Deutlichkeit, die überrascht, ist sie doch eigentlich sehr auf Manieren bedacht. Am Unternehmer Trump hat sie nach wie vor nichts auszusetzen, wohl aber am Politiker Trump. "Er soll endlich Pläne vorlegen und nicht immer nur behaupten: Ich kann es, ich kann es, glaubt mir nur. Da kann ich auch sagen: Bald bin ich die Königin von England."

Lizbeth Martell sitzt im Restaurant ihrer Mutter in Kissimmee, einer rasant wachsenden Stadt in der Nähe Orlandos. "Puerto Rico's Café" hielt die Familie über Wasser inmitten der Krise. Die Mutter hat es aufgemacht, als sie 1990 aus Puerto Rico nach Florida kam. Die Tochter musste helfen, sobald sie eine freie Minute hatte. Jetzt studiert Lizbeths Tochter am College, um Lehrerin zu werden. Es ist eine Generationensaga, wie es sie in Kissimmee zu Hunderten gibt. Viele hier stammen aus Puerto Rico, viele schauen nach vorn. Sobald sie in den USA leben, sind sie automatisch wahlberechtigt. Politisch eine schwer zu berechnende Größe: Die meisten sind nicht auf eine Partei festgelegt.

Der ethnisch bunteste

Florida gilt als klassischer Swing State. Mit 21 Millionen Einwohnern ist es der bevölkerungsreichste unter den Bundesstaaten, in denen das Pendel mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlägt. Obendrein der ethnisch bunteste: 56 Prozent der Bewohner sind Weiße, 24 Prozent Hispanics, 17 Prozent Afroamerikaner. Der I-4-Korridor, der Landstrich entlang der Autobahn 4, die von Tampa am Golf von Mexiko an Orlando vorbei bis nach Daytona Beach am Atlantik führt, gilt als Swing State innerhalb des Swing State. Wer dort die Mehrheit holt, hat in Florida die Nase vorn. Und wer Florida gewinnt, hat gute Chancen aufs Oval Office.

Im Amphitheater auf dem Messegelände von Tampa dröhnt eine Opernarie aus den Lautsprechern, "Nessun dorma". Es wirkt wie beim Einmarsch eines Gekrönten. Gleich wird Trump die Bühne betreten, und Cassie Syska weiß, dass sie ihn nicht wählen wird. Sie ist nur aus Neugier gekommen. Und um einer Kollegin namens Sharlene, einer überzeugten Anhängerin Trumps, einen Gefallen zu tun: Die hat ihr geholfen, sich hineinzufinden in die neue Arbeit. Syska wirbt um Kunden für Pauschalreisen. Obwohl sie nur ein karges Grundgehalt bezieht und ansonsten nach Erfolg bezahlt wird, ist es in 46 Lebensjahren ihr erster richtiger Job. In ihrer Heimatstadt New York war sie Stripperin. Die Präsidentschaftswahl treibt sie fast zur Verzweiflung. "Keiner kriegt meine Stimme", hat Syska entschieden. Das wäre anders, wenn Bernie Sanders Kandidat wäre, "der Einzige, der nicht schlecht über andere redet".

Eine Synagoge am Westrand Orlandos, Temple Ohalei Rivka. Saul Senders, seine Frau Marilyn und Elaine Weinberg, eine Freundin des Ehepaars, nehmen kein Blatt vor den Mund. "Es geht so hässlich zu, dass ich es nicht fassen kann", klagt Saul Senders, ein pensionierter Professor, der in Pennsylvania Informatik lehrte, ehe er mit Beginn des Rentnerlebens in die Wärme Floridas zog. "Meine Eltern haben den Holocaust überlebt. Ich weiß einfach nicht, warum dieser Hass wieder aufbricht", sagt er und schüttelt den Kopf. Es habe sie immer gegeben, die hässliche Seite des Landes, nur eben versteckt. Trump habe sie an die Oberfläche gebracht, er habe die Büchse der Pandora geöffnet. Schon um ihn zu verhindern, werden alle drei für Hillary stimmen.

Motivationsproblem

Weiter auf der Autobahn in Richtung Ozean. In Goldsboro, 1891 gegründet, einer der ältesten afroamerikanischen Siedlungen Floridas, spricht LaShant Hawkins von einem Motivationsproblem. Die fünffache Mutter sitzt im Gemeindezentrum, an den Wänden Fotos der Helden der Bürgerrechtsbewegung. Goldsboro ist Hillary-Land, schwarze Amerikaner sind Clintons verlässlichste Stütze. Doch Hawkins, 41, erzählt, dass sie gegen eine gewisse Lethargie in der Generation ihrer Kinder anreden müsse. Als Barack Obama antrat, habe man niemanden anzustacheln brauchen, "nun, er war ja praktisch einer von uns". Diesmal fühle es sich fast so an, als ob man aufgefordert wäre, zwischen zwei Übeln das kleinere zu wählen. Und das sei eindeutig Hillary.

Verschwörungstheorien

In De Land, eine halbe Stunde vorm Atlantik, schwirren die Verschwörungstheorien um einen Wahlstand der Republikaner wie Motten ums Licht. Drei Frauen, alle jenseits der 60, sitzen auf Campingstühlen vor dem prachtvollen Gerichtsgebäude der kleinen Stadt und verbreiten haarsträubende Thesen. Eine handelt davon, dass der Milliardär George Soros die elektronischen Wahlmaschinen liefere, mit denen in einigen Bundesstaaten Stimmen gezählt werden. Damit manipuliere Soros das Resultat, behauptet die Trump-Freiwillige Candy. Es stellt sich heraus, dass Candy an ein finsteres Komplott glaubt. Im Ergebnis der Globalisierung, sagt sie, solle eine neue Weltordnung entstehen. Einige "sehr, sehr reiche Menschen" wollten über alles bestimmen.

In Daytona Beach steht Billie Wheeler auf dem Parkplatz vor einer Bibliothek, blinzelt in die pralle Sonne und ist bestens gelaunt. Eine Buchhalterin, die für den Gemeinderat kandidiert. Leute, die Bürgermeister, Sheriff oder auch nur städtische Grundstücksschätzer werden möchten, winken fröhlich, sobald sich Frühwähler nähern, die ihre Stimme lieber schon jetzt abgeben, statt sich am 8. November in lange Warteschlangen einreihen zu müssen. Friedlich und freundlich läuft der Wahlkampf am Meer. Konkurrenten vertreiben sich die Zeit, indem sie miteinander plaudern wie gute Nachbarn. Daytona Beach habe akute Probleme, zum Beispiel Hunderte Obdachlose, erzählt Wheeler. Aber irgendwie werde man sie schon in den Griff kriegen. Ob Demokraten, Republikaner oder Unabhängige, auf lokaler Ebene habe man sich noch immer mit Augenmaß auf Lösungen verständigt.