Auch Spaniens 68er-Siegerin Massiel ereiferte sich – und zwar über den Ulk-Beitrag ihres Landsmannes Rodolfo Chikilicuatre: „Was da gewählt wurde, kann man nicht einmal als ein Lied bezeichnen.“ Ähnliches hörte man auch schon in Deutschland in den Jahren 1998 und 2000, als der verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Spaßfraktion um Guildo Horn und Stefan Raab ins Rennen schickte. Doch das Experiment gelang: Beide landeten auf vorderen Plätzen, bescherten dem Sender hohe Einschaltquoten und dem Grand Prix enorme Aufmerksamkeit. In diesem Jahr hingegen setzten die Macher beim Vorentscheid auf Normalo-Pop – mit dem Ergebnis, dass es die No Angels mit ihrem Mainstreamsong „Disappear“ schwer haben dürften.

Ganz anders der irische Beitrag: Dustin the Turkey – der singende Truthahn – ist eigentlich eine Beleidigung für jeden ernsthaften Grand-Prix-Punktezähler. Johnny Morrison lässt seine Handpuppe wild gestikulierend tanzen, krächzt dazu den Spaß-Techno-Song „Irlande douze points“ und hämmert den Zuhörern stampfende Beats in die Ohren. Es scheint keine Frage, dass dieser schräge Beitrag das erste Halbfinale am 20. Mai überstehen wird – allein schon deshalb, weil sich die bierernsten Kulturbewahrer darüber aufregen.
Über das Erreichen des Finales am 24. Mai muss sich der spanische Komiker mit dem unaussprechlichen Namen keine Gedanken machen: Spanien gehört wie Deutschland, Großbritannien und Frankreich zu den „großen Vier“ , die ebenso wie Vorjahressieger und Gastgeber Serbien automatisch qualifiziert sind, weil sie die größten Geldgeber sind. Die Ulknummer „Baila el Chiki-chiki“ ( „Tanz den Chiki-chiki“ ) hat sich bereits beim Publikum durchgesetzt: Im nationalen Vorentscheid ließ der Schauspieler David Fernández alias Chikilicuatre klassische Popsänger hinter sich und löste damit gehörigen Wirbel aus. Mit seiner überdimensionalen Elvis-Tolle, den falschen Koteletten und seiner Spielzeuggitarre aus Plastik sei der Komiker eine „Schande“ für das Land, hieß es. Andere freuten sich, dass ihr Land soviel Humor beweist, ein „Kinderlied“ zu nominieren.

Hummer und Bohnen
Nach Kindergeburtstag klingt auch der estnische Beitrag. Als Kreisiraadio singen drei Männer im besten Alter den sinnfreien Spaßsong „Leto svet“ – serbisch für „Sommerwelt“ . Flankiert von fahnenschwenkenden, kurzberockten Tänzerinnen singen sie auf Deutsch aber auch mal vom „Sommerlicht“ oder erwähnen wieder auf serbisch „Hummer“ und „Bohnen“ .
Sinn für Humor brauchen die Grand-Prix-Fans auch beim lettischen Beitrag: Die Techno-Nummer „Wolves Of The Sea“ , die durchaus an DJ Bobo erinnert, wird karnevalsmäßig in Szene gesetzt. Die Gruppe Pirates of the Sea flitzt im stilechten Piratenoutfit über die Bühne und verbreitet bei entsprechender Gemütslage gepaart mit hochprozentigen Getränken deftige Skihütten-Partystimmung – zumindest beim zweiten Halbfinale am 22. Mai.

Kampf gegen Nachbarschaftsvoting
Ob die Piraten eine Runde weiterkommen, entscheiden die Fernsehzuschauer sowie eine Jury. Pro Halbfinale wählen die Fans neun Finalbeiträge, je ein weiterer Kandidat wird von der Jury bestimmt. Damit wollen die verantwortlichen europäischen Fernsehanstalten das Nachbarschaftsvoting eindämmen: Im vergangenen Jahr hatten die osteuropäischen Künstler den Wettbewerb dominiert – heftige Proteste und Vorwürfe einer „Ost-Punkte mafia“ waren die Folge.
Doch auch in diesem Jahr scheint ein osteuropäischer Sieger wahrscheinlich: Das Duo Elnur & Samir vom Eurovisions-Neuling Aserbaidschan gilt mit seiner rockigen Engel-Teufel-Nummer als einer der Favoriten, ebenso versprühen die kroatischen Straßenmusiker von Kraljevi ulice mit dem 75-jährigen Rapper 75 Cents an ihrer Seite einen ganz besonderen – nämlich osteuropäischen – Buena-Vista-Charme.