Der Kontrast könnte kaum größer sein: eine klassizistische Villa mit Marmorsäulen und Fresken, und in dieser Pracht stehen Großrechner und hängen Bildschirme mit Zahlenkolonnen an der Wand. Von hier aus wird die Drehung der Erde überwacht. Das ist auch am morgigen 1. Juli von großer Bedeutung. Denn die Nacht zum Mittwoch dauert eine Sekunde länger: Durch eine Schaltsekunde werden alle paar Jahre zwei Zeitmessungen in Übereinstimmung gebracht: die immer gleich schnell tickende Zeit der Atomuhren und die am Stand der Sonne gemessene astronomische Zeit. Sie verändert sich, weil die Erdkugel nicht völlig gleichmäßig um ihre Achse rotiert: Sie wird langsamer, schwingt und eiert. Ausgelöst wird das durch die Anziehungskraft des Mondes oder durch Hoch- und Tiefdruckgebiete beim Wetter. Festgelegt werden die Schaltsekunden von einer Pariser Einrichtung. Aber ab wann eine solche Schaltsekunde nötig ist, dazu leisten Mitarbeiter in der Villa einen entscheidenden Beitrag. Dort sitzt der "International Earth Rotation and Reference Systems Service", kurz IERS. Das Zentralbüro für die Erdrotationsüberwachung ist seit 2000 Untermieter beim Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG).

200 Mitarbeiter kümmern sich beim BKG um Geo-Daten für Navigationssysteme oder Landkarten. Dazu kommen 70 Kollegen in Leipzig und 25 im Observatorium Wettzell im Bayerischen Wald.

Ins Weltall schauen und auf der Erde messen - das ist im Kern, was IERS-Direktorin Daniela Thaller (37) und ihr Team tun. Sie werten die Signale aus, die 25 Beobachtungsstationen in Deutschland von den Satelliten im All empfangen, fügen sie mit internationalen Daten zusammen und ziehen daraus Rückschlüsse über die Bewegung der Erde. Was würde ohne die Schaltsekunden passieren? Dann würde "in ein paar Millionen Jahren die Sonne nicht mehr morgens, sondern mittags aufgehen", erklärt Thaller.