Es war nur eine kurze Randbemerkung beim jüngsten Treffen der Arbeitsgruppe Schutz der Wälder. Siegfried Lüdecke, der Leiter des Peitzer Betriebsteils des Landesbetriebes Forst, machte darauf aufmerksam, dass die Erlen-Phytophthora nun auch die Neiße erreicht hat.

Das „neuartige Erlensterben“, wie Experten es nennen, wird durch eine Erkrankung verursacht, deren primäre Erreger pilzähnliche Mikroorganismen aus der Gattung Phytophthora (griech: Pflanzenzerstörer) sind. In Brandenburg waren bislang die Schorfheide, der Fläming, das Oderbruch und ganz besonders stark der Spreewald befallen. Nun wurden erkrankte Bäume auch in der Neißeaue entdeckt. „In den vergangenen Wochen wurden Deichschauen durchgeführt. Dabei wurde das Problem festgestellt“, informiert Ramona Nagel von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Spree-Neiße. Die erkrankten Bäume seien bei Grießen an der Neiße entdeckt worden. „Die Gefahr besteht, dass sich die Krankheit weiter ausbreiten wird“, sagt Ramona Nagel. Siegfried Lüdecke rechnet mit dem Schlimmsten: „Ich fürchte, die Erlen im Neißebett können wir abschreiben.“ Und er warnt vor den Folgen des zu erwartenden Erlensterbens. „In zwei Jahren werden wir sehr viel Bruchholz haben, das als Treibholz in der Neiße zum Problem werden kann.“

Auch Manfred Lehmann vom Pflanzenschutzdienst des Landesamtes für Flurneuordnung und ländliche Entwicklung in Cottbus beobachtet das Baumsterben mit Sorge. Er sieht in der Erlen-Phythophtora aber nur eine der Ursachen: „Nach dem großen Oderhochwasser im Jahr 1997 ist aufgefallen, dass unerwartet viele Erlen abgestorben sind. Inzwischen wissen wir, dass der Baum besonders empfindlich auf sommerliche Überflutungen reagiert, wie wir sie zum Beispiel im Sommer 2010 erlebt haben.“

Neben der Phytophthora nennt Lehmann zwei große Problemkreise, die sich auf den Baumbestand auswirken werden: das Wassermanagement in der Lausitz und den Klimawandel. „Eigentlich haben wir in der Lausitz mit einer Austrocknung gerechnet. Aber in der Folge des Braunkohletagebaus in der Region steigt nun das Grundwasser an. Hinzu kommt, dass sich seit einigen Jahren Wetterextreme häufen. Auch in diesem Jahr hatten wir wieder ein sehr trockenes Frühjahr. In dieser Zeit könnten die Erlen das Wasser noch gebrauchen. Dafür gibt es im Sommer Monate, in denen in einer Woche das Doppelte der durchschnittlichen Monatsmenge an Regen fällt.“ So beschreibt Manfred Lehmann die Situation.

Für die vom Erlensterben betroffenen Gebiete heißt das: „Es wird im Baumbestand eine Artenumschichtung geben. Die können wir entweder dulden und gestalten, oder wir versuchen gegenzusteuern“, sagt der Experte. „Für letztere Variante müsste der Wasserablauf der Gewässer geändert werden. Aber die hydrologischen Zusammenhänge sind sehr komplex und man muss auch immer die Interessen der betroffenen Nachbarregionen bedenken“, so Lehmann. Aus seiner Sicht liegt ein Problem darin, dass das Wassermanagement in der Lausitz von den Interessen der Wirtschaft bestimmt wird. Deshalb sei es schwer, darauf Einfluss zu nehmen. „Wir haben das Wassermanagement nicht mehr in der Hand“, beklagt der Pflanzenschützer.

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Infos zum ThemaZuerst trat das „neuartige Erlensterben“ 1993 in Südengland auf. Ursache ist eine Pilzerkrankung, die Erlen-Phyto phthora. Von England breitete sich die Krankheit weiter aus. In Deutschland wurde sie 1995 erstmals nachgewiesen. Inzwischen hat sie sich flächendeckend verbreitet. In Brandenburg hat die Erlen-Phytophthora nach dem Spreewald nun auch die Neiße erreicht. Erkrankte Bäume zeigen Vergilbungen und eine spärliche, kleinblättrige Belaubung in der Krone. Im unteren Teil des Stammes können Verfärbungen der Rinde durch einen braunen bis schwarzen Schleimfluss auftreten.