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| 01:32 Uhr

Erinnerung an junge Generation weitergeben

Domsdorf.. In einer Woche wird in Langennaundorf, Tröbitz und Schipkau an den 65. Jahrestag der Befreiung des als „Verlorener Transport“ in die Geschichte eingegangenen Zuges aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen erinnert und der jüdischen Opfer gedacht. In Domsdorf stellte sich am Dienstag eine Arbeitsgemeinschaft vor, die die Gedenkveranstaltung institutionalisieren und die Erinnerung an die Ereignisse vom 23. April 1945 weiter wachhalten will. Von Antje Posern

Karla Fornoville zog vor gut zwei Jahren mit ihrer Familie nach Tröbitz. Sie ist Gemeindevertreterin und engagiert sich für ihren Ort. Als Mutter von drei Kindern im Alter zwischen zwei und elf Jahren liegt es ihr sehr am Herzen, dass die Ereignisse vor 65 Jahren, als für 2500 jüdische KZ-Häftlinge im 700-Seelen-Dorf Tröbitz ihr „Verlorener Transport“ aus Bergen-Belsen endete und eine Welle der Menschlichkeit auslöste, nicht in Vergessenheit geraten. „Das ist ein Teil der Geschichte unserer Gemeinde, den wir als Chance begreifen sollten, die Erinnerungen für unsere Kinder fassbar zu machen und sie weiterzugeben“, sagt sie. Als sie dann einen Anruf aus Australien von einem Nachfahren eines Zuginsassen erhielt, der sich erkundigte, ob der Name des ehemaligen Häftlings auf der Gedenktafel steht, widmete sie sich ganz konkret diesem Thema.

Aus diesen Gründen gehört Karla Fornoville der neuen Arbeitsgemeinschaft „Verlorener Transport“ an, die sich am Dienstag in der Domsdorfer „Louise“ der Öffentlichkeit vorstellte. Vertreten sind alle Kommunen, in denen jüdische Häftlinge des Zuges begraben liegen. Dazu zählen die OSL-Gemeinde Schipkau sowie Tröbitz und Langennaundorf. Der Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück, Andreas Claus (parteilos), engagiert sich ebenso in der AG wie der Bad Liebenwerdaer Geschäftsführer Rainer Bauer, der durch die Tröbitzerin Erika Arlt, die die Geschichte des „Verlorenen Transportes“ erforschte und aufschrieb, auf dieses Thema aufmerksam wurde. Nicht zu vergessen Erika Arlt und ihr Mann.

Wenn in einer Woche der jüdischen Opfer des KZ-Zuges gedacht wird, will die AG als erstes vorzeigbares Ergebnis ihrer Arbeit einen Flyer vorlegen, der über die Ereignisse vor 65 Jahren berichtet sowie über die Gedenkstätten und Ansprechpartner informiert.

Aufbauen kann die Arbeitsgemeinschaft auf die bereits vorhandene Dokumentation, die als Buch und Broschüre auf Englisch und Deutsch existiert, sowie auf Fotos und eine umfangreiche Adressendatei. Ihre Arbeit sehen die Mitglieder darin, die Kommunen bei der Vorbereitung der Gedenkveranstaltungen zu unterstützen und diese zu institutionalisieren. Es sei ein wachsendes Interesse von Überlebenden und Angehörige zu verspüren, dem man gerecht werden will, sagte Andreas Claus. Dazu gehört, Führungen und Vorträge anzubieten. Kontakte seien zu ersten Schulen geknüpft worden, um der jungen Generation einen ganz authentischen Geschichtsunterricht bieten zu können. Dass das Interesse da sei, konnten der Langennaundorfer Ortsvorsteher Wilfried Heinrich, wo die Jugendwehr die Gedenkstätte pflegt, und Renate Balzer von der Gemeinde Schipkau bestätigen. Dort sind die Sechstklässler in die Gedenkveranstaltungen eingebunden.

Eine Internetseite gilt es zu erstellen und die Kontakte mit dem Zentralrat der Juden, den Überlebenden und deren Nachkommen sowie der Gedenkstätte Bergen-Belsen zu pflegen. Wichtig sei zudem die Unterhaltung und Aufwertung der Dokumentationsstätte in Tröbitz, die weiter dem stillen Gedenken dienen soll.Am Freitag, 23. April, finden in der Region wieder verschiedene Gedenkveranstaltungen, bei denen der Opfer des KZ-Zuges gedacht wird, statt. Treffpunkt ist um 10 Uhr an der Kirche in Langennaundorf, von wo aus es weiter zur Gedenkstätte geht. Weitere Kranzniederlegungen sind um 13.30 Uhr in Tröbitz und um 15.30 Uhr in Schipkau geplant. Eingeladen sind unter anderem Brandenburgs Kultusministerin Martina Münch (SPD), Vertreter der jüdischen Gemeinden Berlin und Cottbus sowie der Gedenkstätte Bergen-Belsen und der lokalen Politik.

Zum Thema

Am 23. April 1945 öffneten sich in Tröbitz die Türen des letzten Zuges, der jüdische Häftlinge aus mehr als zwölf Nationen aus dem KZ Bergen-Belsen ursprünglich zur Tötung nach Theresienstadt bringen sollte. Die vorrückende Front führte zu einer 14-tägigen Irrfahrt des Zuges, bei der er unter anderem in Langennaundorf und Schipkau stoppte und schließlich in Tröbitz seine Fahrt beendete. 2500 kranke und ausgehungerte Menschen waren dort eingepfercht und wurden nach der Befreiung durch sowjetische Truppen von Tröbitzern versorgt und gepflegt. Zuvor waren Hunderte im Zug an Hunger, Typhus und Entkräftung gestorben, und wurden in Schipkau, Langennaundorf, Wildgrube und Tröbitz begraben.