Es fällt ihr schwer, sie zu öffnen. Wozu überhaupt? Wozu soll sie die Krippe aufbauen? Es scheint ihr so sinnlos in diesem Jahr.

Dann nimmt sie doch Figur für Figur heraus und stellt sie auf den Tisch. Wer außer ihr wird sie sehen, ihre Krippe? Wer die Freude daran teilen? Leise rinnen ihr Tränen aus den Augen. Vor vier Monaten ist ihr Mann gestorben, plötzlich. Eines Morgens wachte er einfach nicht mehr auf. So viele Jahre haben sie miteinander geteilt und nun ist sie allein, so furchtbar allein, jeden Tag aufs Neue. Natürlich kommen ihre Kinder und Enkel sie Weihnachten besuchen, aber das ist nicht das Gleiche. Und sie spürt die Wut wieder in sich aufsteigen. Wut auf ihren Mann, der sich so plötzlich davon gemacht hat und Wut auf Gott, der das zugelassen hat.

Da fällt ihr Blick auf das Jesuskind. Dafür, dass Du Gottes Sohn bist, hast Du es auch nicht gerade leicht gehabt, denkt sie. Kein leichter Start ins Leben und Dein Tod . . . Und ihr fallen die letzten Sätze Jesu am Kreuz ein: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Genau so fühlt sie sich. Verlassen.

Aber Gott hat dich ja gar nicht verlassen, sagt sie zum Jesuskind.

Im Gegenteil, er war die ganze Zeit bei Dir.

Und plötzlich ist ihr, als hätte sie diesen Satz zu sich selbst gesagt: Er war doch die ganze Zeit bei dir. Marlén Reinke,

Pfarrerin in Massen & Breitenau