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Leipziger Frust
Enttäuschung und Verletzte: Die Folgen des RB-Albtraums

Leipzig-Stürmer Yussuf Poulsen kann das Aus nicht fassen. Foto: Jan Woitas
Leipzig-Stürmer Yussuf Poulsen kann das Aus nicht fassen. Foto: Jan Woitas FOTO: Jan Woitas
Marseille. Ralph Hasenhüttl flüchtete sich nach dem wahr gewordenen Albtraum in Zynismus und sparte nicht mit deutlicher Kritik an einer Mannschaft. Von Jens Marx, dpa

„Wir sind raus - mit Applaus“, kommentierte der Trainer von RB Leipzig gegen Mitternacht geschafft, enttäuscht und ernüchtert das 2:5 im Rückspiel des Europa-League-Viertelfinales bei Olympique Marseille. „Ich habe auch gedacht, dass wir einen Schritt weiter sind“, meinte Hasenhüttl.

WAS MEINTE HASENHÜTTL DAMIT?

Er spielte auf das 0:2 vor einer ähnlich furchteinflößend- beeindruckenden Kulisse im ersten internationalen Pflichtspiel am 26. September 2017 bei Besiktas Istanbul an. Seine Mannschaft verlor das Champions-League-Gruppenspiel damals mit 0:2 und offenbarte die mangelnde Erfahrung für derartige Herausforderungen.

Fünf Europapokalspiele später war von einer Entwicklung nichts zu spüren. Auch wenn Emil Forsberg meinte, eine solche Kulisse müsse man lieben, wirkte die Mannschaft insgesamt verunsichert. Nicht mal die Führung durch Bruma in der zweiten Minute konnte daran etwas ändern. Hasenhüttl: „Dass wir uns von der Kulisse so anstecken lassen haben, war auch für mich enttäuschend.“

DAS PROBLEM SIND DIE GEGENTORE

Vier Gegentore nach einer 1:0-Führung am Montag in der Liga gegen Bayer 04 Leverkusen. Fünf nach einer 1:0-Führung im Stade Velodrome. Der am Oberschenkel verletzte Timo Werner, der auf der Bank untätig mitleiden musste, brachte es auf den Punkt: „Neun Tore in zwei Spielen und 72 Stunden – so kann man nicht Champions League oder Europa-League-Hablfinale spielen wollen.“

Wie auch gegen Bayer resultierte ein Gegentor von Marseille aus einer RB-Ecke - beim Stand von 1:1, nachdem Stefan Ilsanker mit einem Eigentor in der sechsten Minute für OM ausgeglichen hatte. Unverständlich, wie die RB-Mannschaft den Gastgebern in so einer frühen Phase so viel Platz zum Kontern geben konnte beim Tor in der neunten Minuten von Bouna Sarr.

Thauvin (38.), Dimitri Payet (60.) und der ehemalige Bundesliga-Profi Hiroki Sakai (90.+4) sorgten für die Entscheidung. „Nach zwei Minuten haben wir schon das Tor erreicht, dann aber alles weggeworfen“, meinte Torwart Peter Gulacsi: „Eine Spitzenmannschaft kann nicht so verteidigen.“ So brachte auch Jean-Kévin Augustins Tor zum 2:3 (55.) - womit Leipzig weitergekommen wäre - nichts.

WIEDER KAUM ZEIT ZUM FRUSTABBAU

Am Freitagnachmittag soll es per Charterflieger zurück nach Leipzig gehen. Die Auslosung des Halbfinales um 13.00 Uhr dürfte die Spieler kaum mehr interessieren. Jetzt geht es darum, den bisher trotz einiger Rückschläge doch sehr guten Eindruck auch in dieser Saison am Ende nicht zu verspielen. „In Bremen wird uns nichts geschenkt“, betonte Mittelfeldspieler Kevin Kampl vor der Auswärtspartie des nur noch Tabellensechsten an diesem Sonntag beim SV Werder. Platz vier wollen die Leipziger mindestens und damit das erneute Startrecht für die Champions League. „Wir wissen, dass wir noch alles schaffen können. Es wird aber bis zum letzten Spieltag ganz eng da oben werden“, sagte Kampl.

AUSGERECHNET JETZT WIRD ABER DIE PERSONALNOT NOCH GRÖßER

Nun fällt womöglich auch noch Marcel Sabitzer in der Offensive den Rest der Saison aus. Und wie schnell Innenverteidiger Dayot Upamecano in der ohnehin reichlich zerpflückten RB-Abwehr wieder voll fit ist, bleibt auch offen. Sabitzer kugelte sich erneut die Schulter aus. Der 24 Jahre alte Österreicher hatte wegen so einer Verletzung schon die letzten fünf Spiele vor der Winterpause gefehlt. Fünf Spiele sind es nun noch in der Liga bis zum Saisonende.

Zudem machte bei Upamecano laut Hasenhüttl in Marseille der Oberschenkel zu. Die genaue Diagnose steht noch aus. Und auch bei Timo Werner zwickt der Oberschenkel noch, sonst hätte Hasenhüttl den Goalgetter beim 2:5 noch gebracht. Langzeitausfälle sind bereits die beiden Außenverteidiger Marcel Halstenberg (Kreuzbandriss) und Konrad Laimer (Muskelriss).

WEITERE ZITATE EINES DENKWÜRDIGEN FUßBALLABENDS

„Da muss man schon schlucken, wenn wir eine so gute Ausgangsposition so leichtfertig aus der Hand geben.“ (Ralph Hasenhüttl, Trainer RB Leipzig)

„Es wird schwer sein zu realisieren, was hier passiert ist.“ (Kevin Kampl, Mittelfeldspieler RB Leipzig)

„Es hat sehr, sehr gut begonnen, wenn man dem ganzen Stadion so einen Nackenschlag versetzt.“ (Timo Werner, angeschlagener Stürmer RB Leipzig, zur Führung nach nicht einmal 70 Sekunden)

„Wir haben uns im Viertelfinale gegen eine deutsche Mannschaft durchgesetzt, das passiert auch nicht so oft.“ (Rudi Garcia, Trainer Olympique Marseille)

„Das war ein unglaublicher Abend.“ (Florian Thauvin, Torschütze Olympique Marseille)