Als die anderen Spieler am Mittwochmittag ihre Arbeit schon beendet hatten und vom Platz trabten, ließ sich Daniel Lück von Torwart-Trainer Heiko Kretschmar ganz hinten in der Ecke noch kleine, gelbe Filzbälle mit einem Tennisschläger um die Ohren donnern, um die Reaktionsschnelligkeit zu schulen. Jede Übungseinheit zählt in diesen Tagen! Von Anfang bis Ende. Denn Energie Cottbus sucht nach der schweren Schulterverletzung von René Renno bekanntlich eine neue Nummer 1 zwischen den Pfosten. Zunächst für die enorm wichtige Heimpartie gegen Schlusslicht Stuttgarter Kickers an diesem Samstag um 14 Uhr. Aber natürlich auch für den Rest der laufenden Spielzeit. Renno wurde am Mittwoch operiert und fällt bis Saisonende aus.

Dass ausgerechnet Daniel Lück als letzter Spieler den Trainingsplatz in Branitz verließ, hatte durchaus einen gewissen Symbolcharakter. Immerhin musste der 24-jährige Keeper zuletzt deut liche Kritik von FCE-Trainer Vasile Miriuta für seine Leistungen im Training einstecken. Miriuta störte sich an der Körpersprache des Ex-Paderborners, der im Sommer eigentlich als Nummer 1 nach Cottbus gekommen war, nach einer Verletzung dann aber seinen Platz an Renno abgeben musste. Dem Coach fehlten Biss und Leidenschaft auf dem Trainingsplatz. Vorläufiger Tiefpunkt für Lück: Für das Spiel am vergangenen Freitag beim VfL Osnabrück (0:0) wurde er von Miriuta erneut aus dem Kader gestrichen. Stattdessen durfte der 23-jährige Mateusz Trochanowski in den Bus steigen und kam nach der Verletzung von Renno ab der 71. Minute sogar zu seiner Drittliga-Premiere.

Aber: Neue Trainingswoche, neue Chance. "Wer gut trainiert, spielt am Wochenende", hatte Miriuta nach dem Osnabrück-Spiel erklärt und damit den Konkurrenzkampf um die Nummer 1 angeheizt. Seine auf den ersten Blick allgemeine Aussage war natürlich eine deutliche Kritik an Lück - aber eben gleichzeitig auch die Aufforderung, sich in den täglichen Übungseinheiten noch mehr reinzuhauen. Mit seiner direkten Art auf dem Platz und auch in der Kabine hat Miriuta nun offenbar einen halbwegs leistungsfördernden Draht zum eher verschlossen wirkenden Lück gefunden. Nach mehr als der Hälfte der Trainings woche zeichnet sich jedenfalls ab, dass Lück gute Chancen hat, als Sieger aus dem Torwart-Casting hervorzugehen. Miriuta: "Ich habe ihm deutlich gesagt, dass ich mehr von ihm erwarte. Er hat im Training eine positive Reaktion auf die Kritik gezeigt. Im Moment hat Daniel die Nase vorn."

Das Trainingsspiel elf gegen elf jeweils am Mittwoch gilt in der Regel als Indikator, wer am Wochenende ran darf. In Branitz gab Miriuta diesmal Lück, Trochanowski und dem erst 18-jährigen Avdo Spahic exakt dieselbe Einsatzzeit zwischen den Pfosten. Im Gespräch mit der RUNDSCHAU machte er anschließend aber deutlich, dass Lück sich einen Vorteil gegenüber seinen beiden Konkurrenten erkämpft hat. Nach Lage der Dinge wird Lück gegen Stuttgart spielen und Avdo Spahic als Ersatzmann auf der Bank sitzen. Der von Austria Salzburg II in die Lausitz gewechselte Österreicher Mateusz Trochanowski ist Außenseiter in diesem Dreikampf und für die zweite Mannschaft eingeplant. Dass er am vergangenen Wochenende den Vorzug vor Spahic bekam, war einer Magen-Darm-Grippe geschuldet, mit deren Nachwirkungen Spahic kämpfte. Inzwischen hat sich der als großes Talent gehandelte Bosnier aber wieder fitgemeldet.

Ein treuer Energie-Fan hatte am Mittwoch am Rande der Übungseinheit übrigens eine ziemlich skurrile Antwort auf die spannende T-Frage. Im Duell mit Schlusslicht Stuttgart könne man doch ganz ohne Tor hüter spielen und stattdessen einen zusätz lichen Stürmer auf den Platz schicken, um für mehr Torgefahr zu sorgen. Okay, war ja nur so ein Gedankenspiel.

Kader: Sven Michel hat seinen Vertrag bis 2019 verlängert.

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