Kevin Rauhut, ganz ehrlich: Wie viele Steine sind Ihnen vom Herzen gefallen, als der Ball zum 4:3-Siegtor für Energie Cottbus im Netz war?

Rauhut Ich glaube, ich war heute der Fremdkörper der Mannschaft. Das waren wirklich mit die beschissensten 90 Minuten meiner Laufbahn. Wir haben in der Kabine gesagt, dass wir eine Familie sind. Und in einer Familie passieren Fehler. Heute kann ich froh sein, dass wir eine starke Familie auf dem Platz gesehen haben. Die hat mich quasi gerettet, die hat den Verein für heute gerettet. Ich bin wahnsinnig dankbar für die Leistung der Jungs, für die aufopferungsvolle Stimmung der Leute. Das war einmalig, dass ich noch angefeuert wurde, nachdem ich die beiden Gegentore verursacht habe.

Was kann man als Torhüter überhaupt machen, wenn man zwei Gegentore mitverursacht? Wie spricht man sich Mut zu?

Rauhut Im besten Fall schaltest du alles ab. Aber wir sind nicht in ruhigem Fahrwasser, es geht hier um Existenzen. Wenn du dann derjenige bist, der entscheidet, ob hier nächstes Jahr noch jemand arbeiten kann, dann tut das doppelt weh.

Es war ein wildes Spiel gegen Köln. In der ersten Halbzeit war Energie Cottbus besser, doch nach der Pause wirkte alles sehr wacklig. Woran lag das?

Rauhut An mir. Da will ich auch niemand anderem die Schuld zusprechen. So etwas passiert einfach im Fußball. Du führst 1:0 – ich mache einen Patzer. Du führst 2:1 – ich komme zu wild raus, 2:2. Ist doch klar, dass die Jungs dann nicht aus der Halbzeit kommen und sagen: ,Jetzt knallen wir die weg.‘ Am Ende hat man einfach gesehen, was die Mannschaft für ein Herz hat. Dass alles komplett richtig war vom Verein, in der prekären Situation ruhig zu bleiben, weil da so viel in der Mannschaft steckt. Ich bin jetzt einfach nur noch glücklich, auch wenn ich nicht danach aussehe.

Wer hilft Ihnen dabei, so ein Spiel zu verarbeiten?

Rauhut Wenn ich jetzt sage: Mein Torwarttrainer, meine Frau, meine Tochter. Nein – alle nicht. Das muss man so knallhart sagen. Das ist eine Sache, die ich jetzt mit mir ausmache. Da bin ich nicht der Typ, der jetzt Zuspruch und Schulterklopfer braucht. Als Torwart ist man Einzelspieler in einem Kollektiv – wenn man einen Schuss aufs Tor kriegt und dabei drei Gegentore bekommen hat, dann muss man sich da selber herauswinden. Am Dienstag spielen wir im Pokal. Da müssen wir weiterkommen, weil das für den Verein wichtig ist. Und dann fahren wir nach Jena.

Mit Kevin Rauhut sprach Jan Lehmann