Von Jan Lehmann, Frank Noack
und Sven Hering

Diese E-Mail war eigentlich nur an seine Mitarbeiter beim Cottbuser Presse Vertrieb gedacht. Energie-Präsident Michael Wahlich schrieb am Donnerstag: „Liebe Mitarbeiterinnen und liebe Mitarbeiter, vor reichlich 2 Jahren habe ich Sie informiert, dass ich Präsident vom FCE werde. Sie konnten die Zeit mitverfolgen. Meine Mission ,Wiederaufstieg’ habe ich erfüllt. Nun gibt es im Umfeld Spielchen und Intrigen, die ich nicht bereit bin mitzutragen, deshalb habe ich vorgestern meinen Rücktritt zum 31.12.2018 erklärt. Sollten Sie irgendwo hören, es wäre aus gesundheitlichen Gründen, dann kann ich Sie beruhigen, diese Information ist falsch. Krank sind andere! Beste Grüße, Michael Wahlich.“

Der FCE-Präsident informierte seine Belegschaft so über das, was der Verein am Freitag vor dem Auswärtsspiel beim Karlsruher SC (Samstag, 14 Uhr/LR-Liveticker) öffentlich machte. Für die Nachfolge im Präsidentenamt steht das bisherige Präsidiumsmitglied Werner Fahle bereit. Neben Wahlich wird auch Geschäftsführer Normen Kothe gehen, er verlässt den Verein nach 14 Jahren zum 31. Januar 2019.

Dass Wahlichs E-Mail schon kurz nach der exklusiven RUNDSCHAU-Veröffentlichung dieser Personalien am Donnerstagabend durch Internetforen geistern und unter den Energie-Anhängern via Kurznachrichten weitergeleitet werden würde, hätte er nicht erwartet. In seiner offenen Art, mit der er seit zwei Jahren als Präsident die Geschicke des FCE leitet, sagte der 58-Jährige am Freitag der RUNDSCHAU: „Ich habe meinen Mitarbeitern einst auch meine schwere Erkrankung so mitgeteilt, damit sie wissen, wie es um ihren Chef steht. Und ich habe sie vor gut zwei Jahren auch vorab darüber informiert, dass ich Präsident bei Energie Cottbus werde. Diese Transparenz im Unternehmen ist mir sehr wichtig. Umso mehr bin ich nun darüber enttäuscht, dass einer meiner Mitarbeiter dieses Vertrauen missbraucht hat.“

Wahlich, der in der RUNDSCHAU offenbart hatte, eine Krebserkrankung überstanden zu haben, wollte demnach mit dieser Mail seine Belegschaft beruhigen. Ihm sei es wichtig darauf hinzuweisen, dass gesundheitliche Gründe bei der Entscheidung für den Rücktritt keine Rolle gespielt hätten. Dass aus seiner internen Mail herauszulesen ist, dass Wahlich mit den Geschehnissen hinter den Kulissen beim Verein absolut unzufrieden war, ist dem Noch-Präsidenten bewusst. Er betont: „Das ist auch so, ohne Frage.“

Es hätte wohl nicht erst dieser internen E-Mail bedurft, um die Konflikte bei Energie Cottbus zu Tage treten zu lassen. „Spielchen und Intrigen“, so wie Wahlich es bezeichnete, erschweren dem FCE den Kampf um den Klassenerhalt in der 3. Fußball-Liga sowie die sportliche wie wirtschaftliche Entwicklung des Vereins.

Es gibt offenbar einen Machtkampf um den Verein. Bereits in seinem offiziellen Statement in der Vereinsmitteilung des FC Energie hatte Wahlich erklärt: „Ganz am Anfang beim ersten Kennenlernen mit dem Verwaltungsrat habe ich deutlich gemacht, dass ich einen Neuanfang mit ehemaligen Funktionären nicht als besonders hilfreich ansehe und nicht befürworte. Die derzeitigen Bewegungen im Umfeld und im Verein diesbezüglich entsprechen nicht meinen Vorstellungen.“

Dass Anfang September der Cottbuser Oberbürgermeister (OB) Holger Kelch (CDU) aus dem Verwaltungsrat des FCE zurückgetreten und dafür der einstige OB Frank Szymanski (SPD) wieder in das Gremium zurückgekehrt war, dürfte das Fass zum Überlaufen gebracht haben.  Auch bei den Fans hatte dieser Wechsel für Unmut gesorgt. Auf einem Plakat beim Spiel gegen Großaspach stellten sie Szymanski als Marionette da. Dazu gab es die Zeile: „Demnächst auch in Ihrem Theater: Der Genosse der Sparkassenbosse“. Szymanski wollte am Freitag auf RUNDSCHAU-Nachfrage dazu keine Stellung nehmen.

Das Marionetten-Plakat auf der Nordwand war ein deutlicher Verweis auf den Energie-Hauptsponsor, die Sparkasse Spree-Neiße, die den Verein nach RUNDSCHAU-Informationen mit mehr als einer Million Euro pro Jahr unterstützt. Am Donnerstagabend waren schnell die Spekulationen darüber aufgekommen, dass der ehemalige Energie-Präsident und Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Spree-Neiße, Ulrich Lepsch, ein Interesse an diesen Rücktritten gehabt habe. Es machten Mutmaßungen die Runde, dass Lepsch wieder ein Amt beim FCE übernehmen wolle. Er hatte das Präsidentenamt von 2006 bis 2014 inne.

Aus dem Umfeld des Clubs war zudem zu vernehmen, dass Energie eingeplantes Sponsorengeld nicht oder erst verspätet erhalten habe. So steht die Frage im Raum, ob die Sparkasse Spree-Neiße ihre Stellung als Hauptsponsor ausgenutzt und Druck auf den Verein ausgeübt hat. Zudem ist nicht klar, ob der Hauptsponsor tatsächlich Szymanski wieder im Verwaltungsrat sehen wollte. Die RUNDSCHAU hat Ulrich Lepsch am Freitag diese Fragen gestellt und wollte zudem auch wissen, ob der Sparkassen-Vorstandsvorsitzende nun wieder ein Amt beim FCE anstrebt. Die Antwort: „Selbstverständlich werden wir unser seit vielen Jahren umfangreiches Engagement unabhängig von personellen Veränderungen im Sinne des FC Energie Cottbus beibehalten. Ein personelles Engagement war und ist kein Thema.“