Herr Spiller, war es schwer, 111 Gründe zu finden oder hätten Sie auch 150 aufschreiben können?

Spiller Die ersten 70, 80 Gründe waren relativ einfach, aber dann musste ich schon ein bisschen tricksen. Für weitere 111 Gründe würde es gerade nicht reichen. Dafür müsste Energie nochmal 30 Jahre spielen – dann könnten wir darüber reden.

Wie lange sind Sie schwanger gegangen mit der Buch-Idee?

Spiller Der Erfinder der Buchreihe und der Schwarzkopf-Verlag sind vor Jahren auf mich zugekommen, als ich 2014 nach dem Zweitliga-Abstieg einen Artikel für Zeit Online über Energie geschrieben hatte. Die dachten wohl: Der ist Cottbus-Fan und kann drei Zeilen geradeausschreiben, den können wir fragen. Als ich gesehen habe, dass Vereine wie Sportfreunde Lotte oder der FC Homburg bereits so ein Buch haben, dachte ich mir: In der Reihe darf Energie nicht fehlen!

Es gab schon vorher Energie-Bücher. Welchen Anspruch hatten Sie an Ihr Werk und wie sollte es sich von den anderen unterscheiden?

Spiller Ich wollte, dass die Leute Spaß haben beim Lesen. Es gibt schon zwei, drei ziemlich gute Bücher, in denen aber entweder sehr viel Statistisches oder viel über Fans und Auswärtsfahrten drinsteht. Ich wollte etwas für alle schreiben. Und es war mir wichtig zu erzählen, was dieser Verein für die Stadt und das Lebensgefühl hier geworden ist. Es sollte kein reines Sportbuch werden. Ich denke, man kann es auch lesen, wenn man kein Fußballfreak ist.

Haben Sie den Verein während der Recherche auch aus einer anderen Perspektive kennengelernt, die Ihnen vielleicht sogar missfallen hat?

Spiller Ich habe das Buch nicht als Journalist, sondern als Fan geschrieben. Als Journalist hätte ich bei schwierigeren Themen nachhaken müssen. Als Fan hatte ich keine Lust darauf, weil ich mich emotional nicht vom Verein entfernen wollte.

Wie wichtig war es Ihnen trotzdessen, auch das Image des Vereins und seine Nazi-Thematik in manchen Kapiteln anklingen zu lassen?

Spiller Das nicht zu erzählen, wäre Realitätsverleugnung. Energie hätte im letzten Jahr nach dem Aufstieg gegen Flensburg und dem Pokalspiel gegen Freiburg zweimal sportlich in den Schlagzeilen stehen können – überregional wurde aber nur über Ku-Klux-Clan-Kapuzen auf dem Altmarkt und ein Siegheilsson-Trikot am Bratwurststand gesprochen. Vor allem die Mehrheit der Fans, die nicht so drauf ist, muss da noch mehr den Mund aufmachen. Weil es grundsätzlich scheiße ist und dem Verein schadet. Ich wünsche mir auch von Claus-Dieter Wollitz manchmal deutlichere Worte. Ab und zu klingt es so, als seien die Medien Schuld, statt immer wieder die paar Idioten anzusprechen und zu sagen: Wir wollen euren Nazi-Scheiß nicht! Gerade Wollitz, der den Verein mit Herz und Seele lebt und ohne den wir Energie schon hätten dichtmachen können, hätte die Möglichkeit dazu.

Dabei haben Sie selbst erlebt, was ein geiler Heimatverein mit einem jungen Menschen anstellen kann.

Spiller Absolut. Was gibt es Geileres, als als junger Mensch deinen Verein aus einer kleinen Stadt, die niemand kennt, in ganz Deutschland hochhalten zu können!? Ich war 14 Jahre alt, als Energie das krasse Jahr 1997 hatte, und 17, als Energie in die Bundesliga aufstieg. Deswegen bin ich so, wie ich bin, deswegen habe ich dieses Buch geschrieben. Ich würde sogar behaupten, dass ich nicht Sportjournalist geworden wäre, wenn das alles nicht passiert wäre.

Ein Kapitel haben Sie auch Dimitar Rangelov gewidmet. Bekommt der jetzt nach dem Spiel in Uerdingen noch ein komplettes Buch?

Spiller (lacht) Eine Statue könnte man ihm bauen, nur echt übrigens mit hochgekrempelten Hosen … Er hat schon 2008 gegen Rostock ein wichtiges Tor zum Klassenerhalt in der 1. Liga gemacht. Mit seiner Altersmilde hat er auch jetzt wieder eine coole Rolle gefunden in der Mannschaft. Überhaupt: Alle Winter-Neuzugänge machen Cottbus besser. Wer auch immer die Idee hatte, die Jungs zu holen, und das Geld bereitgestellt hat: Gut gemacht!

Klappt es mit dem Klassenerhalt?

Spiller Ja. Das Spiel gegen Uerdingen war entscheidend. Ich traue unserem Verein allerdings zu, gegen Aalen zu verlieren und erst in Braunschweig wieder zu gewinnen. Aber egal wie, wir bleiben drin.

Mit Christian Spiller
sprach Steven Wiesner

Buch der Woche: „111 Gründe, Energie Cottbus zu lieben“ Von der sentimentalen Kraft des FC Energie

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