Schlesinger fand heraus, dass es auch für Jubel und Trauer soziale Regeln gibt, sogenannte Emotionsregeln, die im Laufe eines Lebens erlernt werden. "Und die Gefühlsausbrüche verlaufen mitunter hochgradig ansteckend", sagt der Experte.

"Die Verhaltensmuster sind je nach Situation unterschiedlich", erfuhr Schlesinger. Gesänge der Schlachtenbummler wie bei Fußball oder Eishockey - bei Golf oder Tennis eher verpönt - seien ein bei der Sozialisation erlerntes Verhalten. Einmal in eine Gemeinschaft wie einen Fan-Block hineingeraten, versuchten sich die Menschen zumeist anzupassen, um zur Gruppe dazu zu gehören. "Sie werden von der Stimmung mitgerissen und können dann oft gar nicht mehr sagen, aus welchem Grund sie eigentlich jubeln", erklärt er.

Der Wissenschaftliche Mitarbeiter der TU Chemnitz führte unter anderem eine empirische Fallstudie in der Mountainbike Freeride-Szene durch und entwickelte aus systemtheoretischer Perspektive ein Emotionsmodell. Bei dem Ereignis verfolgten mehr als 40 000 Zuschauer einen Wettbewerb mit 21 Mountainbikern aus der ganzen Welt. Der TU-Forscher nahm mit Unterstützung einer Projektgruppe aus zwölf Studierenden die Emotionen der Event-Teilnehmer unter die Lupe, um einen vertieften Einblick in das emotionale Geschehen während des Eventverlaufs sowie die dahinter liegenden sozialen Auslösemechanismen zu erhalten.

"Diese Mechanismen von Sport-Ereignissen wirken auch bei anderen Veranstaltungen wie dem Besuch von US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama in Berlin mit mehr als 200 000 Besuchern oder einem Kirchentag", sagt Schlesinger. Vor allem Event-Veranstalter und Marketing-Experten zeigten sich an Studien dazu interessiert. "Schließlich zielen deren Inszenierungen bei der Ansprache von Kunden genau auf solche emotionalen Erlebnisse ab."

Ihnen rät Schlesinger, die Zielgruppe und deren Erwartungen sehr genau zu kennen und ihre Veranstaltung darauf abzustimmen. "Den Teilnehmern muss bei aller Vorbereitung und Planung immer noch Freiraum bleiben, damit sie ihre Emotionen selbstbestimmt ausleben können." Die Folgen solcher Marketing-Strategien sind laut Schlesinger etwa in der Politik schon gut zu beobachten. "Der Event-Charakter von politischen Veranstaltungen nimmt zu. Dabei geht der sachliche Inhalt immer mehr verloren. An seine Stelle treten Inszenierung und Unterhaltung."