Nur eine Handvoll alter Fotos ist Rudi Ziegler von seinem Vater geblieben. Sie zeigen einen Mann mit offenem Blick und freundlichen Augen. „Er war ein fröhlicher, liebenswerter Mensch“, erinnert sich Rudi Ziegler. Der 88-Jährige, der wie sein Vater als Lehrer in Merzdorf tätig war, lebt heute in Groß Leuthen.

Weder die Meldung über den Waffenfund, noch den Zeitungsartikel, in dem der Jänschwalder Wilhelm Käckel über die mutige Tat des Merzdorfer Lehrers im April 1945 erzählt, hatte er gelesen. Erst der Anruf der RUNDSCHAU-Reporterin machte ihm klar, dass sein Vater Gustav Ziegler bis heute auch über den Familienkreis hinaus unvergessen ist. Der Cottbuser Werner Regina hatte sich nach der Lektüre des Zeitungsartikels an den früheren Merzdorfer Lehrer erinnert und mit einem Anruf die Redaktion auf die richtige Spur gebracht.

Rudi Ziegler bestätigt: Es war sein Vater, der in den letzten Kriegstagen einen kleinen Trupp von Volkssturmmännern zu befehligen hatte. „Das waren vor allem Familienoberhäupter, ältere Männer, die nicht mehr zum Dienst an der Front eingezogen werden konnten, darunter – wie mein Vater – Veteranen des Ersten Weltkrieges“, erzählt Rudi Ziegler. Bei Trebendorf hätten die Männer Stellung beziehen müssen, um die heranrückenden russischen Truppen aufzuhalten. „Ich selbst war damals 22 Jahre alt. Aufgrund einer Kriegsverletzung war ich aus dem Wehrdienst entlassen worden. So pendelte ich in den Tagen um den 20. April 1945 als Melder zwischen der Stellung meines Vaters und dem Hinterland. Die Männer waren dort völlig auf sich alleine gestellt. Die Wehrmacht hatte die Gegend bereits aufgegeben. Die Bevölkerung war auf der Flucht. Ich selbst war mit meiner Mutter von Merzdorf zu einem Onkel nach Groß Leuthen gezogen“, erinnert sich Rudi Ziegler. „Mein Vater sagte wörtlich: Wir stehen hier auf verlorenem Posten. Als er seine Männer aufforderte, die Gewehre wegzuwerfen und zu ihren Familien zurückzukehren, war das in seinen Augen bestimmt keine Heldentat, sondern eine Frage der Vernunft. Hätte ein versprengter Kettenhund der Feldgendarmerie sie erwischt, hätte diese Entscheidung ihn und seine Männer das Leben kosten können“, sagt Rudi Ziegler. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass sich noch jemand daran erinnert, was mein Vater damals getan hat. Ich bin sehr bewegt und glücklich, dass man seiner mit solcher Dankbarkeit gedenkt, und ich bin sicher, dass es mein Vater auch gewesen wäre“, sagt Rudi Ziegler.

Nach dem Krieg war Gustav Ziegler wieder als Lehrer tätig. Weil er Parteimitglied gewesen war, musste er seinen Heimatkreis verlassen. Er unterrichtete in Döbberin im Oderbruch und starb 1977 im Alter von 85 Jahren. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof in Groß Leuthen.

Auch Wilhelm Käckel in Jänschwalde ist glücklich, dass Gustav Ziegler gefunden wurde. „Es ist sehr schön, dass sich jemand an den alten Merzdorfer Lehrer erinnert und sich auf den Zeitungsartikel gemeldet hat. Es bedeutet mir persönlich sehr viel“, sagt der 80-Jährige. Nun kennt er nicht nur den Namen, sondern auch das Gesicht des Mannes, dem er verdankt, dass sein Vater das Kriegsende wohlbehalten überlebt hat.