Seit 14 Jahren sorgt Emre für saubere Fenster an den chromblitzenden Bankentürmen der Finanzmetropole. Ein Unfall ist in dieser Zeit noch nie passiert. Lediglich ein Schwall Wasser saust schon mal in die Tiefe - doch zur Sicherheit wird vorher unten der Bürgersteig abgesperrt.
Blickt man vom Dach des Commerzbank-Hochhauses hinab, so sind die Passanten unten auf der Straße nur noch in Ameisengröße zu erkennen. Der Stararchitekt Sir Norman Foster entwarf 1997 das damals größte Hochhaus Europas mitten in der Frankfurter Innenstadt. Inklusive Antenne ist der Turm 300 Meter hoch und hat 53 Etagen. 2400 Banker haben hier ihre Büros. Das Gebäude, das auf mehreren Etagen verteilt Gärten mit Zitronenbäumen und Palmen beherbergt, ist lichtdurchflutet und zeichnet sich durch riesige Glasfronten aus. Asan Emre weiß genau, wie viele es sind: 120 000 Quadratmeter Fensterflächen innen und außen.
"Es dauert vier Monate, bis ich gemeinsam mit meinem Kollegen das Haus einmal geputzt habe", sagt der 30-Jährige. "Wenn wir oben fertig sind, fangen wir unten wieder an." Auf dem Dach der Commerzbank-Türme sind sieben wuchtige Gondeln befestigt, die mit Schwenkarmen elektronisch auf die entsprechende Etage heruntergelassen werden. An Eisenhaken sichern sich die Fensterputzer in der Gondel mit Seilen. Ganz legal darf Emre dann durchs Fenster die Banker beobachten und ihnen bei der Arbeit zuschauen. "Ein paar machen Zeichen oder winken mir zu, aber leider kann man durch die dicken Glasscheiben nichts hören", sagt der Frankfurter mit türkischem Pass. "Manche bekommen auch einen Schreck und verlassen ihr Büro." Ein paar Mal sei er auch schon von innen fotografiert worden.
Seinen Arbeitsplatz in luftiger Höhe mag Asan Emre. "Der Ausblick ist fantastisch, ich bekomme frische Luft und mich stört hier oben niemand." Mit Wassereimer, ökologischem Spülmittel, Fensterwischer und Lappen ist Emre genauso ausgerüstet wie jede Hausfrau beim Fensterputzen. "Zuhause putze ich aber nicht die Fenster, das macht meine Frau", stellt der Familienvater klar. In den vielen Berufsjahren ist er routiniert geworden und braucht für ein drei mal 2,50 Meter großes Fenster keine drei Minuten.
Das Wetter kann den Fensterreiniger nicht bei der Arbeit stören. Ist es kalt, zieht Emre eine dicke Jacke an. Unter Null Grad putzt er nur noch drinnen in der Bank - sonst würde das Wasser einfrieren. Ist es stürmisch, darf der Arbeiter aus Sicherheitsgründen ab Windstärke 5,7 nicht mehr draußen arbeiten. Im Hochsommer trägt er ein T-Shirt, allerdings darf er das auf keinen Fall ausziehen. "Die Banker möchten keinen nackten Mann am Fenster sehen", erklärt er die Vorschrift.