Die Brüder haben sich lange nicht sehen. In Südfrankreich kommt es zu einem Treffen, das die Sprachlosigkeit nur unterstreicht. Die Atmosphäre, die die Dokumentation „Mein Bruder. We’ll meet again“ auffängt, lässt erahnen, welche Brüche sich zwischen dem Regisseur Thomas Heise und seinem Bruder Andreas auftun. Das betrifft nicht nur die biografischen Unterschiede. Andreas wird in der DDR Koch und interessiert sich nur wenig für Filme. Demgegenüber bewegt sich der jüngere Bruder Thomas früh in den unterschiedlichsten kulturellen Kreisen Ost-Berlins. Zu seinen Bekannten gehören Autoren, Dramaturgen und Musiker. Er ist in vielen Szenen bekannt, bleibt aber dennoch am Rand. Entscheidend ist: er kennt zahlreiche engagierte Persönlichkeiten in Ost-Berlin während der 80er Jahre. Ein Umstand, der auch für die Stasi interessant ist.

Für sein Filmprojekt in Südfrankreich trifft Thomas Heise auch auf den Inoffiziellen Mitarbeiter, den die Stasi auf ihn angesetzt hatte: Micha, den besten Freund seines Bruders. Er finanziert eine Pension in Frankreich durch seine Tätigkeit als Kardiotechniker auf Herzstationen in Deutschland und in der Schweiz. Michas Frau Ivonne führt das kleine Hotel. Andreas Heise kocht für die Gäste. Die Stasi-Vergangenheit seines Gastgebers und Freunds nimmt er so lakonisch hin, wie die Liebe, zu seiner französischen Freundin Vanina: „Dann hat sich die Dame aufgetan. Da hab ich gedacht am Anfang, na ja ein bisschen ficken ist in Ordnung. Und auf einmal bin ich verknallt“. Der direkten Konfrontation mit der Vergangenheit geht er aus dem Weg. Im Gespräch mit dem Bruder sind es der Zigarettenrauch und Alkohol, die die Auseinandersetzung mit der Kamera konstant begleiten. Hinter dem Qualm als Schutzschild, so scheint es, wird dieses Gespräch überhaupt erst möglich. Und doch bleiben die Sätze zwischen den Geschwistern an der Oberfläche. Zum Verrat des besten Freunds sagt Andreas Heise bloß: „Er hat gepetzt. Aber Scheiß drauf. Er hat`s mir gesagt, als ich ihn das erste Mal besucht habe nach dem Mauerfall. Da habe ich gesagt: ,Ist gut, ein Grappa.’ Dann war`s erledigt“.

In der Stille der Küche, wo Andreas Zigaretten raucht und Micha still am Tisch sitzt, erzeugen die Tropfen aus dem Wasserhahn geradezu Lärm angesichts dieser Sprachlosigkeit. Die Erschütterungen der Vergangenheit, so scheint es, haben ihre Spuren am Körper des älteren Bruders Andreas hinterlassen. Nach mehreren Herzinfarkten und Bypass-Operationen hatte er sich zum Sterben nach Frankreich zurückgezogen. Ebenso Schicksalsergeben wie dem Verrat, der Liebe und seinem Bruder gegenüber. Vor der Kamera drückt er es so aus: „Ich konnte ja nicht ahnen, dass es mir gesundheitlich auf einmal so gut geht. Ich dachte eigentlich, das wird immer schlimmer und du wirst dann in die Kiste springen. Und dafür hab ich mir Südfrankreich ausgesucht. Also Micha, weil Micha hier ist“.

Die Bilder des Films vermitteln eine bleierne Schwere, die lange nachwirkt. Sie hinterlassen den Zuschauer ratlos angesichts der vielen unbeantworteten Frage. Seine Stasiakte blendet Thomas Heise im Verlauf seiner Dokumentation kurz ein. Weitere Informationen gibt es im Film dazu nicht. Im Gespräch mit dem Cottbuser Publikum bestätigt Regisseur Thomas Heise, was nach dem Film zu erwarten war: Ein Ende der Sprachlosigkeit hat es nicht gegeben. Andreas Heise ist mittlerweile gestorben.

Dokumentation über Skater in der DDR Mit dem Rollbrett in die Freiheit

Cottbus