Es kam zu einem tödlichen Gedränge. Mehr als 650 wurden verletzt. Einige leiden bis heute schwer unter den Folgen. Doch wer hatte das zu verantworten? War es absehbar gewesen, dass die Wege für die vielen Menschen viel zu knapp bemessen waren?

Fragen, die jetzt doch in einem Strafprozess geklärt werden sollen. Am Montag, und damit sechs Jahre und neun Monate nach dem Unglück, gab das Oberlandesgericht Düsseldorf seine Entscheidung bekannt.

Es hob einen Beschluss der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg auf, die vor gut einem Jahr die Anklage gegen zehn Beschuldigte, Beschäftigte der Stadt und des Veranstalters Lopavent, abgewiesen hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte ihnen fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen. Ursache des tödlichen Verlaufs seien schwerwiegende Fehler bei Planung, Genehmigung und Überwachung von Auflagen gewesen.

Der OLG-Senat ordnete gleichzeitig an, dass das Hauptverfahren nun vor der 6. Großen Strafkammer des gleichen Gerichts stattfindet.

Die Hauptverhandlung dürfte einer der größten Strafprozesse überhaupt werden. So umfangreich war bereits die Beweisaufnahme. Zeitweise waren bis zu 96 Polizeibeamte des Polizeipräsidiums Köln sowie sechs Staatsanwälte mit dem Fall befasst. Sie vernahmen 3409 Zeugen und sichteten 963 Stunden Videomaterial. Am Ende stand die Anklage. Im Februar 2014 war das. Jahre waren da bereits vergangen. Doch die Hinterbliebenen sollten noch viel länger warten müssen.

Denn das Duisburger Landgericht hatte viele Fragen an den Sachverständigen Keith Still, einen britischen Panikforscher, der für die Staatsanwaltschaft ein Gutachten geschrieben hatte. Am Ende der Prüfung im Frühjahr 2016 dann ein Paukenschlag: Nichtzulassung der Anklage. Es sollte keinen Prozess geben. Die Anklage beruhe im Wesentlichen auf dem Gutachten. Dieses leide jedoch unter gravierenden inhaltlichen und methodischen Mängeln, lautete eine Begründung. Eine Klatsche für die Staatsanwaltschaft. Ein Opferanwalt sprach von einem "Justizskandal".

Der 750 Seiten umfassenden Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen die Entscheidung schlossen sich zahlreiche Nebenkläger an. Mit Erfolg. Die Entscheidung des OLG kann nun nicht weiter angefochten werden.

Der zuständige Senat beim OLG hält eine Verurteilung der Angeklagten für "hinreichend wahrscheinlich" - und stellt damit eine wesentliche Voraussetzung für die Eröffnung eines Hauptverfahrens fest.

"Dass die den Angeschuldigten vorgeworfenen Sorgfaltspflichtverletzungen ursächlich für die Todes- und Verletzungsfolgen waren, dränge sich nach dem Ermittlungsergebnis auf", heißt es in einer Mitteilung. Auch das Gutachten des Sachverständigen soll in der Hauptverhandlung verwertet werden. Es weise keine durchgreifenden inhaltlichen oder methodischen Mängel auf.

Wann der Prozess beginnt, hat das Landgericht Duisburg noch nicht entschieden. Der Justiz sitzt die Zeit im Nacken: Bis zum 27. Juli 2020, zehn Jahre, nachdem das 21. Opfer starb, muss ein Urteil in erster Instanz vorliegen. Ansonsten tritt Verjährung ein.

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Es sollte eine ausgelassene Party werden, doch sie endete in einer schrecklichen Tragödie: Im Juli 2010 kamen bei der Loveparade in Duisburg wegen einer Massenpanik 21 Menschen ums Leben. Mehr als 650 Technofans wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Die Todesopfer aus Deutschland, China, Australien, Spanien, Italien und den Niederlanden wurden an einem Tunnel im Zugangsbereich des Veranstaltungsgeländes erdrückt oder zu Tode getrampelt. Vermutlich Tausende erlitten im Gedränge psychische Schäden. Angehörige und Trauma-Opfer schlossen sich in Initiativen zusammen.