"Wenn im Sommer die vielen Kähne knapp an unserem Kaffeetisch entlang fahren, dann denken wir immer daran, dass auf unserem Grundstück Kahnbaumeister Ernst Wilhelm Richter als Erster in der Region die hölzernen Spreewaldkähne der Neuzeit gebaut hat", erzählt Christine Greinert. Gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard pflegt sie die Erinnerungen an den legendären Handwerksmeister, der den Kahnbau im Spreewald revolutionierte. Vor 160 Jahren hatten die Einbäume "Dubownik" (aus Eichenholz gefertigt) und "Pawnik" (aus Pappelholz hergestellt) ausgedient. Für den damals aufstrebenden Tourismus wurde ein modernes Wasserfahrzeug benötigt, das Platz für die Ausflügler hatte. Der neue Kahn musste aber nicht nur geräumig, sondern leicht, kostengünstig, sicher und pflegeleicht sein. Monatelang tüftelte Ernst Wilhelm Richter (1827 bis 1902) in seiner Werkstatt und heraus kam ein Kahn aus Kiefernholz.Vermutlich wurden die ersten Kähne noch aus jeweils zwei Seitenbrettern gefertigt, geleimt und durch hölzerne Spanten gehalten, wie Gemälde aus der damaligen Zeit zeigen. Die Bodenbretter waren noch als Längsbretter ausgeführt, um ein besseres Strömungsverhalten im Wasser zu haben. Zur Befestigung wurden geschmiedete und konisch geformten Nägel verwendet. Heute werden die Bodenbretter als Querbretter in den Holzkahn geschraubt. Zu dem damals neuen Ansturm der Touristen aus der Großstadt Berlin, hat wohl auch die berühmte Spreewaldreise des Schriftstellers Theodor Fontane und seiner Freunde im August 1859 seinen Anteil. Die tour führte von Lübbenau über Lehde und Leipe nach Burg und fand in Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" Eingang in die Literaturgeschichte.Historische SammlungAlle diese Hinweise und Informationen sammelt das Ehepaar Greinert akribisch. Alte Dokumente, Bildpostkarten, Fotos und Unterlagen werden gehütet. "Wir verfolgen sehr aufmerksam alle Forschungsergebnisse über den Kahnbau und das Tourismusgeschehen im Spreewald", sagt Gerhard Greinert.Im Jahre 1939 hatten seine Eltern das Grundstück in Lehde geerbt. Noch heute fällt der markante Bau im Ort auf. 1878 ließ Kahnbaumeister Richter das Haus errichten und mit Schiefer eindecken. Auch die vier Wände wurden mit Schiefer verkleidet. "Bei Familienfeiern und Geburtstagen war das Gesprächsthema immer der Kahnbauer Richter", erzählt der Lehd'sche. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus zwar umgebaut, aber Reste der ehemaligen Kahnwerft sind noch vorhanden. Fehlende NachfolgerMitte der 1850er-Jahre wird Kahnbaumeister Richter mit dem Kahnbau begonnen haben. Seine Frau war Anna Richter, eine geborene Koal. Die Töchter Emilie und Alwine vervollständigten das familiäre Glück. "Da es aber keine Enkelkinder gab, übernahm Kahnbauer Carl Richter die Aufträge für den Kahnbau, der gegenüber seine Werkstatt im Jahre 1884 eröffnet hatte", erzählt Christine Greinert. Carl Richter war mit der Familie von Kahnbaumeister Ernst Wilhelm Richter nicht verwandt oder verschwägert.Dort wird aber, von kleineren Unterbrechungen abgesehen, bis heute der Kahnbau weiterbetrieben. Tischlermeister Karl Koal und seine Tochter, die Tischler-Gesellin Juliane Koal sorgen dafür, dass die 160-jährige Tradition des Kahnbaus im Lübbenauer Ortsteil Lehde fortgesetzt wird.