Christoph Noll spricht jetzt von einer großen Liebe. Eigentlich wollte er nur ein bisschen erzählen, wie das damals war, Anfang der 90er-Jahre. Aber die Offenbarung, die er damals erlebte, klingt bis heute in seiner Stimme nach.

"Ich war hin und weg", sagt er. Diese Grafik. Die Musik. Umwerfend. Noll, Jahrgang 1979, spricht von dem Moment, als er erstmals ein "Mega Drive" in Aktion sah. Auf der Spielkonsole von Sega wirbelte damals Firmen-Maskottchen Sonic durch quietschbunte Welten - ein kleiner blauer Igel mit roten Rennschuhen.

Das Alt-Gerät hat heute einen Ehrenplatz bei Noll. In seinem Laden "Retrospiel" in Köln steht es herausgeputzt in einem Regal mit anderen Sega-Erfindungen, vom "Master System" bis zur "Dreamcast" - eine Art ehrfurchtsvolle Ahnengalerie. Die Konkurrenzmodelle von Nintendo werden auf der anderen Ladenseite mit ähnlicher Ehre bedacht.

Wer sich die grafische Kraftmeierei vieler Spiele auf der diesjährigen Gamescom (17. bis 21. August) anschaut, kann ein Spiel wie "Sonic the Hedgehog" (1991) schnell mal für eine Erscheinung aus der Steinzeit halten. Die technischen Möglichkeiten der Branche haben sich seitdem raketenhaft entwickelt.

Von der anderen Seite schwappt aber eine Retrowelle über die Szene, die nicht nur Läden wie "Retrospiel" hervorbringt. Auch auf der Gamescom gibt es einen wachsenden Bereich mit Geräten aus den 80ern und 90ern. Das mag verwundern. Kaum jemand käme heute wohl auf die Idee, sich eines der grobschlächtigen Handys älterer Bauart mit Genuss an das Ohr zu halten. In der Gamerszene liegen die Dinge aber anders.

Ausgemusterte Konsolen sind kein Elektroschrott, sondern Kulturgut. Börsen für alte Spiele florieren, online werden zum Teil wahnwitzige Preise aufgerufen. Ein seltenes, noch originalverpacktes Spiel wird mitunter in den Rang des Heiligen Grals erhoben. "Es gibt viele Menschen, die mit Videospielen aufgewachsen sind, dann in die Rush Hour des Lebens gerieten und sich heute wieder an die alte Optik und die alten Spiele erinnern", sagt Maximilian Schenk, Geschäftsführer des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Den Retro-Trend gebe es ohne jeden Zweifel.

Schenk macht das vor allem auch an Neuentwicklungen fest, die den Oldie-Look aufgreifen. "Wir hatten in den vergangenen Jahren sehr erfolgreiche Spiele im klassischen Pixel-Look - zum Beispiel ,Minecraft'", sagte er. Vor allem Indie-Entwickler setzten darauf. Zum einen, weil es weniger aufwendig sei als fotorealistische Grafik. Aber auch, weil es an alte Zeiten erinnere.

Die ersten Generationen, die ganz selbstverständlich mit Videospielen aufgewachsen sind, sind heute längst berufstätig. Früher schätzte man sich noch glücklich, wenn der Freund des Freundes einen "Super Nintendo" hatte, auf dem man endlos erscheinende Sommerferien-Nachmittage verdaddeln konnte. Heute lässt sich mit etwas Geld ein Teil dieser Kindheit zurückzuholen. Das meint man zumindest, wenn sich ein wohliger Schauer auf dem Rücken einstellt, sobald die "Super Mario World"-Melodie (1991) losdudelt. "Jede Generation identifiziert sich mit den Geräten, mit denen sie aufgewachsen ist", sagt Enno Coners, Herausgeber von "Retro Magazin". Seine Liebe gilt bis heute dem C64, einem Computer in Form eines Brotkastens mit integrierter Tastatur, für den es massig Spiele gab. Er wurde 1982 vorgestellt. Coners bezweifelt allerdings, dass sich der Retro-Trend einfach fortschreiben lässt. In 20 oder 30 Jahren werde wohl kaum jemand die Systeme aus dem Jahr 2016 verklären.

"Das Retro-Gefühl endet für mich irgendwo Mitte der 90er", sagt er. Danach sei der Markt riesig und damit unübersichtlich geworden. Christoph Noll will den Zauber von damals ein wenig konservieren. Einer der Schwerpunkte seines Ladens sind Spiele, die von kleinen Entwicklerteams neu programmiert werden, aber auf den alten Konsolen laufen. Auch das gibt es.

Zum Thema:
Der Retrotrend bei den Computerspielern zeigt sich auch im Internet. Zahlreiche Seiten sammeln hier alte Spiele, die zumeist auf Dos- oder frühen Windows-Betriebssystemen liefen. Als Abandonware, was sich mit "verwaister Software" übersetzen lässt, gelten Spiele, die älter als fünf Jahre sind und nicht mehr vom Hersteller vertrieben oder unterstützt werden. Solche Spiele sind auf einschlägigen Seiten meist kostenlos zum Herunterladen zu finden. Es handelt sich dabei um eine rechtliche Grauzone, denn wenn Hersteller auf ihren Rechten beharren, werden entsprechende Spiele von den Seiten gelöscht. Wer auf moderne Grafiken verzichten kann, findet daher auf den Seiten der Abandonware-Sammler eine breite Auswahl an Spielen - von Command & Conquer über Civilization bis Speedball 2. Um vor allem ältere Dos-Spiele auf modernen Rechnern zum Laufen zu bringen, braucht es Hilfsprogramme wie Dosbox. bob www.abandonia.com www.dosbox.com