,,Vom cholerischen Anfall bis hin zum völligen Zusammenbruch des Verdächtigen habe ich schon alles erlebt. Fest steht, dass unser Besuch eine enorme psychische Belastung für die Betroffenen darstellt", sagt Rainer P. Doch wenn es um die Sicherung von Beweismaterial gehe und eine Hausdurchsuchung notwendig werde, sei das unvermeidlich. ,,Wir haben dieselben Befugnisse wie die Polizei", erklärt sein Kollege. Spektakuläre Aktionen wie bei den Ermittlungen gegen den früheren Postchef Klaus Zumwinkel, bei denen die Steuerfahnder im Blitzlichtgewitter der Fotografen Rechner und Akten sichergestellt haben, seien aber der absolute Ausnahmefall.

Unauffälliger Zugriff

,,Im Normalfall bemühen wir uns bei einem Zugriff um so wenig Außenwirkung wie möglich. Wir achten auch darauf, dass möglichst keine Kinder oder ältere Menschen vor Ort sind", betont Martin S.

Einem solchen Zugriff gehen jedoch gründliche und in vielen Fällen auch langwierige Ermittlungen voraus. Steuerakten werden gesichtet, Abrechnungen und Unterlagen auf Ungereimtheiten untersucht.

,,Es ist echte Detektivarbeit", sagt Rainer P. ,,Manchen Fall kann man komplett vom Schreibtisch aus lösen. Aber wir sind auch draußen unterwegs, um Beweismaterial zu sammeln. Selbstverständlich inkognito", erzählt er. ,,So manchen wertvollen Hinweis haben wir schon bei Gesprächen über den Gartenzaun in der Nachbarschaft der Verdächtigten bekommen. Es gibt da ein gewisses Mitteilungsbedürfnis, auf dem Land noch mehr als in der Stadt", sagt Martin S.

Anzeigen stammten nicht selten aus dem nächsten Umfeld. Manchmal schwärzten auch Familienmitglieder die eigenen Verwandten an. ,,Hier spielt der Neid eine große Rolle", zeigt sich Rainer P. überzeugt. ,,Viele der Anzeigen werden anonym erstattet. Dann ist es an uns herauszufinden, ob etwas an dem Hinweis dran ist. Oft erkennen wir das schon an der Art und Form der Anzeige. Das ist Erfahrungssache." Darüber hinaus würden Ermittlungen von Hinweisen des Finanzamtes, anderer Behörden wie etwa der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, des Landeskriminalamtes oder über Querverbindung aus eigenen Fällen ausgelöst. Selbstanzeigen gebe es auch, doch sie seien vergleichsweise selten. Im Jahr 2008 habe es in Cottbus nur 29 solcher Fälle gegeben.

Keine Langeweile

Langweilig wird es den Steuerfahndern nicht. ,,Unsere Schreibtische sind voll", sagt Rainer P. Wurden von der Cottbuser Steuerfahndung 2008 noch rund 600 Fälle bearbeitet, waren es 2009 schon 720. ,,Umgekehrt stellen wir fest, dass das Schuldempfinden der Steuerhinterzieher immer schwächer wird", so Rainer P. Bei der Steuererklärung zu schummeln, gelte bei vielen als Sport, schlimmstenfalls als Kavaliersdelikt. ,,Die Leute verkennen, dass es sich dabei um eine Straftat handelt, die ab einer bestimmten Größenordnung auch mit einer Haftstrafe geahndet wird", betont Daniela Trochowski, Staatsekretärin im Potsdamer Finanzministerium. So seien in Brandenburg im Jahr 2009 Steuerhinterzieher zu insgesamt 28 Jahren Haft und zu 600 000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. ,,In Brandenburg sind im vergangenen Jahr rund 27 Millionen Euro hinterzogen worden. Das fängt damit an, dass in der Steuererklärung Büroräume zu groß angegeben werden, und hört beim systematischen Betrug mit dem Umsatzsteuerkarussell auf", sagt Daniela Trochowski.

Fiktive Waren im Kreislauf

Diese Form der Steuerhinterziehung, bei der fiktive Waren im Kreislauf immer wieder gekauft und verkauft werden, gehört zu den Schwerpunkten der Arbeit von Martin S.'s Arbeit. ,,Das kommt häufig vor", sagt er. Darüber hinaus seien der Einfallsreichtum und leider auch die kriminelle Energie mancher Steuerhinterzieher beachtlich. Oft hätten die Fahnder mit unangenehmer und auch gefährlicher Kundschaft zu tun, etwa wenn im Rotlichtmilieu oder in Fällen organisierter Kriminalität ermittelt werde.

Kein Hausieren

Das sei einer der Gründe, warum er nicht mit seinem Beruf hausieren gehe, auch nicht im Bekanntenkreis. ,,Es geht nicht nur um meine eigene, sondern auch um die Sicherheit meiner Familie", sagt Martin S., der sich wie Rainer P. trotz des Risikos nach einigen Dienstjahren als Finanzbeamter für eine Weiterqualifikation vom Finanzwirt zum Steuerfahnder entschieden hat. ,,Wir sind zwar nicht beliebt. Aber es ist eine facettenreiche Tätigkeit", sagt S.

* Namen geändert