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Die Biebachs töpfern seit 110 Jahren

Keramikmalerin Nicole Biebach bringt das 110. Jubiläum auf die Zeitscheibe der Firma.
Keramikmalerin Nicole Biebach bringt das 110. Jubiläum auf die Zeitscheibe der Firma. FOTO: Veit Rösler
Hohenleipisch. Die Töpferei Biebach ist heute die letzte von ehemals 24 in Hohenleipisch bestehenden Töpfereien, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde. Der Betrieb begeht im November sein 110. Bestehen. Veit Rösler

In den alten Unterlagen bei der Handwerkskammer Cottbus ist verankert, dass der 1874 geborene Adolf Biebach im November 1903 in Hohenleipisch eine Töpferei gegründet hat. Der Betrieb hat zwei Weltkriege, den Sozialismus und das Eintauchen in das eiskalte Wasser der Marktwirtschaft überstanden. Was sagt die Zeitscheibe im 110. Jahr des Bestehens dieser Töpferei? Hohenleipisch gilt in seiner Geschichte zweifellos als Hochburg des Töpferhandwerks, neben den 24 Töpfereien gab es hier auch noch 16 Ziegeleien. Als seltene Sonderstellung hatte der Ort sogar eine eigene Töpferinnung, die vor 210 Jahren gegründet wurde. Die erste Erwähnung eines Töpfers in dem Ort stammt aus dem Jahre 1505. In der Töpferei Biebach arbeiten heute noch Töpfermeister Andreas Biebach (53) und seine Ehefrau Nicole Biebach (51) - diese als Keramikmalerin. Die Töpferei kann sich entgegen dem allgemeinen Trend in der Branche behaupten. "Wir und andere Kollegen auch, haben unter den maschinell hergestellten Billigprodukten, insbesondere aus Fernost, wirtschaftlich zu leiden", meint Töpfermeister Andreas Biebach. Junge Menschen würden sich kaum für Handarbeit interessieren. Nur ältere Generationen wüssten die an der Töpferscheibe entstandenen Produkte, die dann auch noch in Handarbeit bemalt werden, zu schätzen. Was an den Wochentagen bei Biebachs produziert wird, muss an Wochenenden mit einem Kleintransporter auf die Töpfermärkte in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen gebracht werden. So sind Biebachs jedes Jahr von März bis Mitte November unterwegs. Vater Günter Biebach (78) hilft manchmal in der Werkstatt, Mutter Brigitte schmeißt den ganzen Haushalt (73). "Wir denken und hoffen, dass es unseren Betrieb auch in zehn Jahren noch geben wird", sagt Andreas Biebach. Ob eine weitere Generation das Handwerk weiterführt, das stehe jedoch in den Sternen. Sohn Oliver (31) hat ab 1998 Töpfer gelernt. Als er seinen Meister machen wollte, wurde der Meisterzwang im Töpfergewerbe, wie in verschiedenen anderen Handwerksberufen auch, von der damaligen Bundesregierung per Gesetz aufgehoben. Vor sieben Jahren ließ sich Oliver Biebach dann aufgrund der fehlenden Perspektive zum Mechatroniker umschulen. Heute arbeitet er in Dresden in der Industrie. Tochter Stefanie (28) arbeitet schon lange in der Pharmaindustrie in einer Firma in Friedrichshafen am Bodensee. Bruder Steffen Biebach (51) ist in einem artverwandten Beruf als Formenbauer für Töpfereien und Stuckateure tätig. Beide Kleinbetriebe versuchen, sich mit ihren Produkten den Ansprüchen der Gesellschaft anzupassen. Daneben wird in Kleinserien auf Sonderwünsche der Kunden eingegangen. Biebachs können aufgrund mehrerer Standbeine bestehen. Im Jahr 1912 wurde die Töpferei umgebaut. Eine Leipziger Firma errichtete einen Rechteckofen mit einem 18 Meter hohen Schornstein, der noch heute zu sehen ist. Um 1914 begannen Biebachs mit einer ganz besonderen Handwerksware, mit der Produktion von Töpferkunst aus einheimischem Material. Nach dem Ersten Weltkrieg lief die Produktion mit bis zu sieben Arbeitskräften voll an. Man produzierte im Haushalt benötigtes Braun- und Buntgeschirr. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges brachen ausländische Absatzgebiete, wie für die holländische Blumenproduktion, weg. Nun waren Essschüsseln und Wasserbehälter für die Wehrmacht gefragt. Mit den sowjetischen Besatzern gab es kaum Probleme.

Ab 1952 wird die Ware zum Teil über den Großhandel Dresden, dann ab 1956 über eine Großhandelsgesellschaft nach Berlin vertrieben. Im Jahr 1958 übernahm Kurt Biebach das Geschäft von seinem Vater Adolf. Ab 1962 wird der Großhandel von der BHG übernommen, die Produktion solle erhöht werden, es mangelte jedoch an Material. Wegen dem Materialmangel konnten immer nur bis zu sechs Angestellte beschäftigt werden. 1961 bekam die Töpferei einen ersten Elektroofen, der wegen des hohen Energieverbrauchs umgesetzt und später verschrottet werden musste. Am 31. März 1963 starb Betriebsgründer Adolf Biebach. Da der Betrieb nebenbei eine Landwirtschaft betrieb, versuchte man, das Geschäft 1965 in die LPG zu drängen. Durch hartnäckigen Widerstand konnte der private Status über die gesamte Betriebslaufzeit erhalten werden. Grund für die schrittweise Umrüstung auf Elektroheizung war die Umstellung der Produktion von Gebrauchskeramik auf Zierkeramik. Die Anforderungen der Kunden entwickelten sich hin zu qualitätsorientierten Produkten. In den alten großen Kohleöfen konnte zu wenig Einfluss auf den Brandverlauf genommen werden. Durch die kleineren Elektroöfen war man variabler, um schneller auf Kundenwünsche eingehen zu können. Im Jahr 1986 übergab Altmeister Kurt Biebach das Geschäft an seinen Sohn Günter. Nach der Wende staunten viele Hohenleipischer bei ihren ersten Besuchen in den alten Ländern, was sich alles aus Hohenleipisch in Vitrinen und Stubenschränken angesammelt hatte. Im Dezember 1991 meldete Günter Biebach das Geschäft ab, um es im Februar 1992 an Sohn Andreas weiterzugeben. Unermüdlich wird das Engagement fortgesetzt, Produkte an die Marktlage anzupassen, schnell auf Kundenwünsche zu reagieren. In diesen Tagen können Biebachs mit Stolz auf 110 Jahre Firmengeschichte blicken.