Vor Dutzenden Zuhörern hat Ellen Rachut, die als Kind Opfer von Missbrauch wurde, am Montag im Forster Kreishaus gemeinsam mit ihrem Ehemann Siegfried Rachow die Mechanismen der Täter aufgezeigt. Dazu zählen perfide gestrickte Netze, mit deren Hilfe sie die Betroffenen zum Schweigen bringen.

„Wie einen Keulenschlag habe ich die immer wiederkehrende Frage ,Warum haben Sie nichts gesagt, warum haben Sie keine Hilfe geholt?' empfunden“, sagte sie. „Habe ich doch selbst Schuld daran?“ Fragen, mit denen sich Opfer immer wieder selbst auf quälende Weise auseinandersetzen. Die Frage müsse jedoch heißen: „Warum konnten Sie nichts sagen beziehungsweise konnten sich keine Hilfe holen?“, sagt Ellen Rachut.

Angst, Scham, Schuldgefühle und das Gefühl, jemanden schützen zu müssen. Vielfältig können die Gründe bei den Opfern sexueller Gewalt sein. 99 Prozent aller Missbrauchsfälle ereignen sich im nahen Umfeld, auch innerhalb der Familie und nicht nur im asozialen Milieu, zeigen Studien auf. „Täter erklären die Tat zum gemeinsamen Geheimnis, bürden ihre Schuld den Opfern auf, kontrollieren ihre sozialen Kontakte und isolieren sie letztendlich.

„Ich dachte immer, ich wäre die Einzige, der so etwas widerfuhr“, sagt Ellen Rachut.

Auch reißerische Berichterstattung in den Medien ließen die Opfer schamerfüllt verstummen. „Werden aus Opfern später Täter?“, fragt eine Zuhörerin. Das lasse sich nicht verallgemeinern. Täter würden sich jedoch oft bei einer drohenden Verurteilung darauf berufen. „Die Literatur ist dazu nicht ergiebig“, betonte Siegfried Rachut, der seit seiner Pensionierung die Arbeit seiner Frau unterstützt.

Das Verschwinden einer Schülerin, deren gute Leistungen plötzlich absanken, war für den einstigen Realschullehrer ein Schlüsselerlebnis, sich mit dem Thema „Missbrauch“ auseinanderzusetzen.

„Selbst, wenn Kinder von einem Lehrer schwärmen, haben sie dabei nie eine sexualisierte Beziehung im Sinn“, betont er angesichts seiner Frau, die Opfer ihres Musiklehrers wurde und sagt weiter: „Die Liebe zu ihr hat nicht gelitten, wohl aber die Sexualität in unserer Ehe“.

Bedrückend waren für die Zuhörer nicht nur die Schilderungen konkreter Fälle, sondern auch die Strategien der Täter, die gezielt nach Kindern Ausschau halten, denen es an irgendetwas mangelt – sei es an Freunden oder Zuwendung in der Familie.

„Benutze Liebe als Köder. Sei nett zu ihnen. Bedrohe sie niemals. Sage, sie seien etwas ganz Besonderes. Arbeite langsam!“ – mit solchen Leitfäden machten sich verurteilte Straftäter Kinder gefügig, zeigt die Recherche von Ellen Rachut.

„Ich dachte bisher, die Wahl wäre nur ein Zufall“, sagt eine Zuhörerin erschüttert und fragt: „Würden Sie einem Opfer zur Anzeige raten? Mache ich mich sonst mitschuldig an weiteren Taten?“ Man müsse sehr stark sein, eine solche Gerichtsverhandlung durchzustehen. Schließlich sei es die Aufgabe des Verteidigers, das Kind beziehungsweise die Frau als unglaubwürdig darzustellen. Unter Umständen könne der Täter straffrei ausgehen.

Betroffene sollten das gut abwägen, so die Buchautorin. Und auch Staatsanwalt Markus Richter von der Staatsanwaltschaft Cottbus – einer der beiden Männer im voll besetzten Saal – verweist auf das deutsche Strafrecht, das immer noch Täterstrafrecht sei, und rät auch angesichts von Verjährungsfristen, schon bei einem Verdacht dringend einen Fachmann zu konsultieren.

Hilfreich sei auch der Opferhilfe-Verein Weiße Ring, so das Ehepaar Rachut. Betroffenen möchte es eines vermitteln: „Was auch passiert ist – es war nicht deine Schuld!“