Und der 64-jährige Zobersdorfer gesteht, dass damit auch noch nicht Schluss sein soll. „Solange ich die Beene über den Sattel kriege, wird gefahren“, sagt er und gibt sich keine Mühe, seine Hauptstadt-Herkunft zu leugnen. In Europa gibt es kaum ein Land, das er nicht schon mit Freunden mit dem Motorrad erkundet hat. Albanien und ganz besonders Rumänien haben es ihm angetan. Aber auch Teile Indiens hat er auf diese Weise erkundet.

„Als Motorradfahrer wirst du von den Einwohnern schnell als Ihresgleichen betrachtet. Vielleicht, weil wir nicht so pomadig, sondern ein bisschen dreckig, schmantig – eben nicht gelackt daherkommen.“ Sehr oft seien ihnen Übernachtungsmöglichkeiten ganz spontan in Familien angeboten worden. Nicht selten folgten Einladungen zum Essen oder gemütlichen Beisammensein. „Da lernst du die Menschen und das Land mit ganz anderen Augen kennen“, sagt Behrendt. Verbietet sich die Frage bei einem Polizisten, ob er so mitten in der Walachei nicht mitunter Angst gehabt hätte? Behrendt lacht. „Klar, gab es die eine oder andere Situation, wo du dir sagst, was wird mit dir, wenn jetzt was passiert. Aber uns ist noch nie was weggekommen. Im Gegenteil: Wir haben eher etwas bekommen oder Hilfe erfahren.“

Und was macht der drahtige Mann, wenn er nicht mehrere PS unterm Hintern hat? „Im Frühling soll ich in Zobersdorf das Motorradtreffen wieder beleben. Wir haben gezählt. Allein 24 Leute bei uns im Dorf haben einen Feuerstuhl.“ Ansonsten fährt der verheiratete Mann gern Rad und ist noch lieber Opa. Tochter und Sohn wohnen in Berlin, und wenn Kinder hüten nötig ist, macht er sich schnell auf. Als die RUNDSCHAU ihn um ein Treffen bat, wienerte er gerade den Kinderwagen für das Baby seiner Tochter.

Also keine Sehnsucht mehr nach der Ordnungshüterrolle? „Nee, lass' mal. Alles zu seiner Zeit“, sagt er und schiebt nach: „Aber es war eine unheimlich spannende Zeit.“ An Herzberg, wo er der erste Wachleiter nach der Wende war, erinnert er sich gern. Es war die Aufbauphase. Die Wache wurde umgekrempelt, der Kontakt in den Partnerkreis Höxter, der heute noch anhält, entstand. „Das war eine echt partnerschaftliche Zusammenarbeit. Die haben uns nicht nur in die neuen Verfahren eingewiesen, sondern sogar ihre Dienstpullover mit uns geteilt und uns selbst einen Streifenwagen geschickt.“ Das Besondere: Sämtliche Sprit- und Reparaturkosten hat Höxter weiter getragen. „Im Gegenzug waren sie ganz heiß auf unsere alten Panzerschränke, so richtig mit Petschaft. Die haben wir ihnen geschenkt.“

Der damalige Oberkreisdirektor Paul Sellmann habe seinen Jungs, die nach Herzberg kamen, immer gesagt: Geht in den Osten. Da geht die Sonne auf. Das ist unsere Zukunft.

Natürlich gab es die gesamte Bandbreite polizeilicher Arbeit. Unfälle, massive Banküberfälle, „allein in Schönewalde drei Mal“, die Rumänenbanden, der Mord an Petra Born in Falkenberg, Probleme mit Links- und Rechtsautonomen und auch Schusswechsel. Dazu jede Menge Kontakt-, Aufklärungs- und Schreibtischarbeit.

Später wechselte Behrendt dann als Wachleiter nach Lauchhammer und hatte das erste Mal einen Autobahnabschnitt in seinem Verantwortungsbereich. „Die Zusammenarbeit mit dem Zoll bleibt mir in guter Erinnerung. Wir haben künstliche Staus erzeugt und auffällige Fahrzeuge ausgebremst, jede Menge Zigaretten- und Drogenschmuggler dingfest gemacht.“

Dann folgte die Wache in Senftenberg. „Das tägliche Arbeitsaufkommen war dort so hoch wie in beiden vorgenannten Wachen zusammen.“ Die Senftenberger seien eine starke Truppe gewesen, zu einigen hat Behrendt heute noch Kontakte.

Und die aktuelle Polizeireform aus seiner Sicht? „Vermutlich notwendig, aber ich höre von vielen Polizisten, dass sie unheimlich demotiviert sind.“

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Zur PersonJürgen Behrendt war ab 1969 bei der Polizei und hat zunächst bei der Verkehrspolizei in Berlin gearbeitet. Die Liebe hat den Berliner dann nach Zobersdorf und in das Volkspolizeikreisamt Bad Liebenwerda, wo er der letzte eingetragene Stabschef war, verschlagen.Bis 2000 war er Wachleiter in Herzberg, bis 2002 in Lauchhammer, dann Koordinator der Revierpolizisten und bis 2007 Wachleiter in Senftenberg.