Fassungslos standen die Strabag-Mitarbeiter am Montag vor der Baustelle Willmersdorfer Brücke: Ein 56-jähriger Betonbauer aus dem Spree-Neiße-Kreis war vom Brückenlager sieben Meter tief gestürzt und am Unfallort verstorben. Neun Arbeitsunfälle endeten in diesem Jahr im Land Brandenburg tödlich. 2010 kamen laut Landesamt für Arbeitsschutz sieben Arbeitnehmer im Job ums Leben.

Die Polizei hat ihre Spurensuche an der Brücke abgeschlossen. Doch auf dem Brückenlager ist auch zwei Tage nach dem Unglück kein Bauarbeiter zu sehen. Nur weiter hinten bewegen sich Walzen und Bagger über das Gelände der künftigen Cottbuser Ortsumgehungsstraße. Reden will keiner der Straßenbauer über den tragischen Vorfall am Montag. Nachdenklich schütteln sie den Kopf. Die Gruppe, zu der der verunglückte Betonbauer gehörte, war am Montag gleich von der Baustelle weggebracht, im Cottbuser Strabag-Bereichssitz in Merzdorf betreut und dann nach Hause gefahren worden. Sie sollen Zeit bekommen, das Unglück zu verarbeiten, sagt Ralf Stolpe, Technischer Bereichsleiter der Strabag in Cottbus.

Noch am Unfallort hatten die Rettungskräfte einen Seelsorger angefordert. Auch die Firmenleitung des Straßenbauunternehmens will, dass den Bauarbeitern bestmöglichst geholfen wird. Ralf Stolpe senkt den Blick. „Ein Arbeitsunfall, der so tragisch endet – nein, das ist mir in meiner beruflichen Laufbahn noch nicht passiert – und ich hatte gehofft, dass es mir auch nicht mehr passieren würde“, sagt er. Er will nun erst einmal abwarten, bis die Mitarbeiter wieder in der Lage sind, zu arbeiten. Eventuell werde es für einige besser sein, nicht an diese Baustelle zurückkehren zu müssen, vermutet er. „Dann wird das Personal mal ausgetauscht, die Baustelle gewechselt, das ist in unserem großen Unternehmen zum Glück möglich“, sagt Ralf Stolpe.

Auch das Landesamt für Arbeitsschutz (LAS) ist in den Fall einbezogen worden. Dr. Detlev Mohr, Direktor des Landesamtes in Potsdam: „Wir ermitteln die Ursachen des Unfalls, um künftig ähnliche Fälle verhindern zu können. Auch die Pflichtverletzungen, die Arbeitsunfällen zugrunde liegen können, stellen wir fest.“ Zum aktuellen Fall an der Willmersdorfer Brücke laufen die Untersuchungen des Landesamtes noch – wie auch die der Staatsanwaltschaft. Drei der insgesamt sieben tödlichen Arbeitsunfälle im Vorjahr ereigneten sich bei Bauarbeiten und drei bei Transporttätigkeiten. „Das sind beides auch die langjährigen Schwerpunkte“, sagt Detlev Mohr. Hinzukam ein Unfall, bei dem ein Leiharbeiter getötet wurde, während er die Störung an einer laufenden Maschine beseitigen wollte – auch das sei nicht selten.

Ob die Erhöhung des Renteneintrittsalters die Situation verschärfen wird, will Detlev Mohr mit seinen Mitarbeitern beobachten. Einiges spricht dafür, anderes dagegen. „Die steigende Berufserfahrung reduziert im Allgemeinen das Unfallrisiko am Arbeitsplatz. Aber sie kann auch leichtsinniger machen. Im Zeitraum von 2006 bis 2010 waren 76 Prozent der tödlich Verunfallten über 40 Jahre alt. Dies entspricht nicht der Altersverteilung der Erwerbstätigen. Ist die physische Leistungsfähigkeit nicht mehr gegeben, werden die 66- und 67-jährigen Arbeitnehmer solche Risikobranchen wie das Bauwesen früher verlassen“, vermutet Detlev Mohr.