Im Land von Goethe und Schiller können laut Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung in Münster mehr als vier Millionen Erwachsene kaum oder gar nicht lesen und schreiben und gelten damit als funktionale Analphabeten. Bei der europaweit größten Bildungsmesse "didacta" wurde das Thema gestern in Köln großgeschrieben - mit mehreren Diskussionsrunden und der Auszeichnung von HSV-Torwart Frank Rost als "Alphabetisierungs-Botschafter".
Ursachen bei den Älteren seien meist mangelnde Bildungschancen in der Nachkriegszeit oder auch unerkannte Legasthenie-Fälle, sagt Nicole Lammers von der privaten Bildungseinrichtung Sprünge-Institut in Köln. Viele Menschen mit starken Lese- und Schreibschwächen schämen und verstecken sich, mogeln sich mit Tricks durchs Leben, um bloß nicht "aufzufliegen".
Bundesweit krempeln derzeit laut Alphabetisierungsverband 20 000 Menschen die Ärmel hoch und nehmen an speziellen Kursen teil, die vor allem die Volkshochschulen (VHS) anbieten. Auch Thomas drückt bei der VHS in Köln seit einigen Monaten wieder die Schulbank. "Ich bereue, dass ich die Schule schon nach der siebten Klasse abgebrochen habe, aber ich habe damals auf der Sonderschule einfach nichts gelernt", berichtet der 42-Jährige. "Das ABC habe ich noch drauf, aber das Wörter-Zusammensetzen fällt mir schwer." Thomas Partnerin unterstützt ihn, vor seinen Geschwistern und Eltern ist ihm seine Lage aber peinlich.
"Viele wagen es lange nicht, ihr Problem anzugehen, da sind massive Ängste im Spiel", sagt Lammers. Die Erwachsenen werden in Einzeltrainings geschult, zudem gehen die Lehrer auch in die Unternehmen, um Schulungen in Kleingruppen abzuhalten.
Elisabeth, die als Kind nie eine Schule besuchte, hat sich mit 54 Jahren zu einem VHS-Kurs durchgerungen. "Es ist für mich nicht leicht zu lernen, als Kind wäre mir das bestimmt schneller gegangen." Nachdem sie seit Jahren mit dem Bekleben von Farb-Eimern ihre Brötchen verdiene, sei sie dem Rat einer Bekannten gefolgt und besuche den Alphabetisierungskurs. "Ich kann nicht lesen, aber dumm bin ich nicht."