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Der Spreewälder Weihnachtsbaum, der nicht nadelt

FOTO: Daniel Friedrich
Burg. Im Spreewald schmückte früher traditionell der Drehbaum viele sorbisch-wendische Weihnachtsstuben. Im 20. Jahrhundert war er nur noch ein Museumsstück, heute sind zur Weihnachtszeit wieder des Öfteren Drehbäume zu bestaunen. Der Burger Dieter Dziumbla baut sie nach traditionellem Vorbild in verschiedener Ausführung und Größe nach. Daniel Friedrich

Es war im Herbst 2002: Im Spreewalddorf Burg wurde dazu aufgerufen, den schönsten Drehbaum des Spreewaldes nachzubauen. Traditionsbewusst, wie die Burger sind, machten sich zahlreiche Tischler und Hobbybastler ans Werk und schufen für den Weihnachtsmarkt eine kleine, aber feine Ausstellung von handgefertigten Drehbäumen. Auch Dieter Dziumbla (75), von Beruf eigentlich Maschinist, folgte dem Aufruf: "Mir erzählte damals eine Bekannte von einem alten Burger Drehbaum, den sie besitzt. Er war über 200 Jahre alt und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Ihn nahm ich mir als Modell und begann ihn nachzubauen."

Mangel macht erfinderisch

Die Tradition des Spreewälder Drehbaums ist älter als der heutige Brauch, einen nadeligen Weihnachtsbaum aufzustellen. Vermutlich mangels geeigneter Tannen und Fichten zeigten sich die Spreewälder einst erfinderisch und bauten sich aus hölzernen Leisten eine drehbare Weihnachtspyramide. Die konnte - je nach Geschick des Bastlers - durchaus die gesamte Höhe des Raumes einnehmen. Kleine Trachtenpüppchen, geschnitzte Tiere, Nüsse oder blank geriebene Äpfel schmückten damals die Pyramide. Mit liebevollen Verzierungen versehen, stand der Drehbaum dem deutsch-christlichen Pendant in nichts nach und war der übliche Weihnachtsschmuck in den sorbisch-wendischen Stuben des Spreewalds.

Mit der Zeit wurde der Drehbaum jedoch zum Arme-Leute-Baum, der mit der geschmückten Tanne nicht mehr mithalten konnte. Zudem verlangte eine preußische Verordnung von 1910, den Weihnachtsbaum trotz fehlender Nadelbäume im inneren Spreewald auch im Wendischen einzuführen. Der Drehbaum wurde nach und nach zum Museumsstück - bis ins Jahr 2002.

Denn weil den Burgern das auf dem Weihnachtsmarkt ausgestellte Exemplar von Dieter Dziumbla so gut gefiel, beauftragten sie ihn immer wieder mit neuen Drehbäumen. Auch Besucher aus Berlin kauften ein Exemplar und nahmen es mit in die Hauptstadt, andere Gäste in die ganze Republik. So wurde vor einigen Jahren der deutsch-französische Fernsehsender "Arte" auf die Burger Drehbaum-Tradition aufmerksam und berichtete über Dieter Dziumbla. Besuch bekam er auch schon vom "Rasenden Reporter" Attila Weidemann und von Schlagersänger Jürgen Drews. "Ich erzähle gerne von meinem Hobby und der Tradition, die dahinter steckt", sagt Dieter Dziumbla. Über die Jahre hat er eine Mappe mit Fotos von seinen Werken erstellt. Große und kleine, bunt verzierte und einfach geschmückte Drehbäume sind darin zu bestaunen. Das Bohren, Sägen, Bemalen und Lackieren hat viele Wochen und Monate Arbeit in Anspruch genommen.

Drehbaum reicht bis unter die Decke

Bis heute sind in der kleinen Werkstatt von Dieter Dziumbla unzählige der kunstvollen Sperrholzkonstruktionen entstanden. Das schönste Exemplar aber steht zu Weihnachten im Wohnzimmer von Familie Dziumbla: "Unser Drehbaum ist 2,70 Meter hoch, er muss wegen seiner Höhe erst im Wohnzimmer zusammengebaut werden. Allein der Aufbau des Gestells dauert mehrere Stunden", berichtet Dieter Dziumbla. In sieben Ebenen sind die Figuren, Girlanden und bunten Kugeln angeordnet. In der unteren ist sogar Platz für Geschenke. Acht Haushaltskerzen schaffen es, den "Drehboom", wie er in Spreewälder Mundart heißt, in ruhige und anmutige Bewegung um seine eigene Achse zu versetzen. Ganz dem Anlass angemessen, wird beim ersten Entzünden der Kerzen von Ehefrau Christa die Festtagstracht getragen.

Mittlerweile tritt Dieter Dziumbla etwas ruhiger und widmet sich vor allem der Imkerei und dem Sticken. In der Adventszeit laden die Dziumblas dennoch gerne Verwandte und Freunde zu sich ein. Bei Butterstollen, Streuselkuchen und Feuerzangenbowle dreht sich natürlich der selbst gedrechselte und liebevoll geschmückte Drehbaum. Ein wundervoller Einstieg in die Weihnachtszeit.