Für Andreas Kümmert ist der Eurovision Song Contest nach Angaben seiner Plattenfirma eine "wahre Herzensangelegenheit" gewesen. Doch als sein Wunsch wahr wird, stößt der 28-Jährige auf einmal alle Fans, die ihn gewählt haben, vor den Kopf. "Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen", sagt der Rock- und Soulsänger, der optisch so gar nicht in die glitzernde Grand-Prix-Welt passen will, vor Millionen ARD-Zuschauern. Das Live-Publikum in Hannover reagiert mit Pfiffen und Buhrufen. Laut dem für die Show verantwortlichen Norddeutschen Rundfunk (NDR) hatten sich 78,7 Prozent der Anrufenden für Kümmert und 21,3 Prozent für Ann Sophie entschieden.

Er sei ein "kleiner Sänger", bringt Kümmert vor. Die vom Publikum auf Platz zwei gewählte Ann Sophie sei viel geeigneter und qualifizierter als er. Der Unmut wächst, die Pfiffe werden lauter. "Das ist ein Coitus interruptus der schlimmsten Sorte", versucht Moderatorin Barbara Schöneberger die Situation mit Humor zu retten. Dann erklärt sie Ann Sophie kurzerhand zur deutschen Vertreterin beim ESC-Finale am 23. Mai in Wien.

Wenn er nur ein kleiner Sänger ist, warum spielt er dann nicht wie früher in den Kneipen in Unterfranken? Warum tritt er dann beim Vorentscheid für den größten Musikwettbewerb der Welt an? Im Internet wird am Tag nach der Show "Unser Song für Österreich" heftig über Kümmerts Motive diskutiert. Viele fühlen sich von ihm veräppelt, andere zollen ihm Respekt. "Ich finde es sehr unfair, dass er das so spät gesagt hat. Damit hat er anderen Chancen verbaut", meint Michael Sonneck, Vorsitzender des Fanclubs Eurovision Club Germany.

Ann Sophie dagegen nimmt den Sieger, der keiner sein will, in Schutz: "Ich finde das megamutig, dass er in dem Moment so auf sein Herz gehört hat." Und Kümmert selber? Er ist abgetaucht.

Weder der NDR noch das Team um den Musiker hatten Kümmerts Titelverzicht vorausgeahnt, beteuern beide nach dem Eklat. Dabei war bereits bei der Bekanntgabe der Kandidaten für den Vorentscheid gerätselt worden, warum ausgerechnet Andreas Kümmert antritt. Der Rock- und Bluessänger hatte im Dezember 2013 die Castingshow "The Voice of Germany" gewonnen, schien sich aber nie wohl im Zirkus des Showbusiness zu fühlen. Noch am Tag vor dem Vorentscheid war er beim Arzt, hatte Proben und Pressekonferenz verpasst. Von 40 Grad Fieber war die Rede.

Kümmert ist ein Außenseiter in der Welt der Stars und Sternchen. Wenn er spricht, wirkt er unsicher. Wenn er singt, zieht er das Publikum in seinen Bann. Mal klingt er zerbrechlich, mal wie Dynamit. "Ein Mann wie ein Baum, eine Stimme wie Woodstock", moderierte Schöneberger seinen ersten Auftritt an. War es die Krankheit, der Medienrummel oder wollte er nie nach Wien fahren, sondern nur seine neuen Songs vorstellen? Die wahren Gründe für seinen Rückzug kennt wahrscheinlich Andreas Kümmert nur selbst.

Ann Sophie bekommt nun die Chance, sich beim ESC-Finale am 23. Mai vor einem Riesenpublikum mit ihrem Song "Black Smoke" zu präsentieren. Geschätzte 180 Millionen TV-Zuschauer in aller Welt hatten das Finale im vergangenen Jahr angesehen. Die Hamburgerin bezeichnet sich selbst als "Rampensau", sie versprüht natürlichen Charme und wirkt echt. Optisch erinnert sie ein wenig an Lena Meyer-Landrut, die 2010 den ESC-Titel für Deutschland holte.

Geht Deutschland nun beschädigt in das Grand-Prix-Finale? Georg Uecker, "Lindenstraße"-Schauspieler und langjähriger ESC-Fan, sagt: Für eine Prognose ist es noch zu früh. Er verweist darauf, dass noch nicht alle Länder ihre Vertreter bestimmt haben. "Aber für eine Debütantin hat sie eine unglaubliche Bühnenpräsenz, einen tollen Song und auch eine richtig gute Stimme", sagt er über Ann Sophie. Dass sie beim Vorentscheid einen "Sieg zweiter Klasse" errungen habe, müsse man irgendwann vergessen. "Und das werden die Leute auch vergessen."

Wie es auch kommt: Für die nächsten Monate muss Ann Sophie umdisponieren. Eigentlich wollte sie an einem Klinikum in Hamburg ein Praktikum in der Unfallchirurgie machen. So eine Art Plan B, falls es mit der Musik nicht klappt.