Wie Ute Noack (41), alleinerziehende Mutter eines Kindes, haben auch Sieglinde Schmiedichen (48) und Mandy Bittner (35) aus Finsterwalde die Chance ergriffen, auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag beim Sozialwerk zuzusteuern. Im August endet die Probezeit. Die Frauen sind entschlossen, diese Herausforderung zu meistern. Sieglinde Schmiedichen sind die berühmten Hummeln im Hintern anzumerken. Sie habe nicht viel Zeit für die Presse, müsse zum ihrem Arbeitsplatz zurück. Ihr Arbeitstraining absolviert sie im Beschichtungszentrum der Galfa Industriegalvanik GmbH in Finsterwalde. "Ich bin in der Qualitätskontrolle, habe mich dort gut eingelebt", sagt die 48-Jährige. Sie ist dankbar dafür, dass familiäre Umstände berücksichtigt werden konnten, dass sie nur in der Tagschicht beschäftigt ist. In der ersten Zeit sei die Umstellung, vor allem für die Familie, schon schlimm gewesen. Aber jetzt erledigen ihr Mann, ihre Tochter und die Mutter mehr Arbeiten zu Hause. Und sie? "Man kommt wieder unter Leute, hat wieder Ansehen. Mein Mann würde mich noch mal heiraten", kommentiert Sieglinde Schmiedichen ihre neue Lebenssituation. Sie freue sich, dass ihre Tochter eine Ausbildung zur Sozialassistentin beginne.

Nicht mehr "zum Amt"

Ute Noack steckt - ebenfalls bei Galfa - in einer Trainingsmaßnahme im Bereich der Verpackung. Sie würde allerdings lieber draußen - im Grünen - arbeiten. Doch die Frohnatur schiebt sofort nach: "Ich geh' überall hin, wo ich gebraucht werde." Über verschiedene Arbeitsgelegenheiten und Nebenverdienstmöglichkeiten hat sie sich wie die anderen Frauen auch durch die zurückliegenden Jahre geschlagen. Jetzt muss sie nicht mehr "zum Amt", kann ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Auch Mandy Bittner hat ihre neue Chance beherzt beim Schopfe gepackt. Ihr hat es die Arbeit in der Natur angetan. Auf den Feldern des Sozialwerkes in Rückersdorf fühlt sie sich wohl. "Mit Hartz IV kann ich meine drei Kinder nicht ernähren", bringt sie ihre Motivation für die neue Tätigkeit auf den Punkt.

Motivation entscheidet

Prof. Dr. Frank Berg, Geschäftsführer des Horizont Sozialwerkes für Integration, und Eike Belle, Geschäftsführerin des Jobcenters Elbe-Elster, hören solche Motivation gern. Schließlich soll mit 15 bislang schwer vermittelbaren Langzeitarbeitslosen im Pilotprojekt namens "Waage" ein Beweis angetreten werden - der brandenburgweit seinesgleichen sucht. Langzeitarbeitslose werden im Arbeitsprozess trainiert, fachlich angeleitet und sozialpädagogisch begleitet. Ulrich Lichey kümmert sich als Bereichsleiter Mobiler Integrationsdienst bei Horizont darum, dass das in der Praxis funktioniert.

Dabei gehen die Frauen und Männer auf der Grundlage eines unbefristeten Arbeitsvertrages ihrem Job im Sozialwerk nach. Schritt für Schritt sollen sie Teile ihres Lohnes selbst erwirtschaften. Das Sozialwerk bekommt über vier Jahre hinweg von Jahr zu Jahr eine geringer werdende Unterstützung vom Jobcenter. Im vierten Jahr reduziert sich diese auf 20 Prozent. Eike Belle: "Wir haben uns entschieden, eine längere Förderung als bisher üblich zu übernehmen, weil wir mit dem Sozialwerk einen Partner haben, der die umfangreiche Betreuung sichert." Mehr als 6000 über eine lange Zeit arbeitslose Menschen in Elbe-Elster fordern zu neuen Wegen heraus. "Fast 70 Prozent der Betroffenen beziehen länger als 24 Monate Leistungen des Staates, mehr als 40 Prozent sogar länger als fünf Jahre", offenbart Eike Belles Blick in die Statistik. Die gemeinsamen Anstrengungen sind darauf gerichtet, dass für die Projektbeteiligten irgendwann einmal keine Leistungen des Staates mehr notwendig sein.

"Neu ist, dass in die Fördersumme die bisher vom Landkreis gezahlten Kosten der Unterkunft einfließen", erklärt Sozialwerk-Chef Frank Berg. In der Regel könnten die bei Horizont angestellten Arbeiter mit ihrem Lohn ihre Miete selbst bezahlen. Funktionieren könne das Sozialwerk-Modell jedoch nur mit Partnern. Dank Kommunen wie der Stadt Doberlug-Kirchhain und Unternehmen wie Galfa und Kjellberg, die die Integration Langzeitarbeitsloser als eigene gesellschaftliche Mitverantwortung verstehen, können bei Horizont bisher schon 80 Menschen regulären Arbeitsverhältnissen nachgehen. "Sie erledigen Aufträge aus der Region für die Region. Und das in Nischen, um die sich sonst niemand kümmert", erklärt Frank Berg. Interessiert sei das Werk an stabilen Verträgen, so zum Beispiel mit Kommunen. Man könne diesen bei Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge wie zum Beispiel der Pflege von Wassergräben helfen. Es stünden Fragen wie die Erweiterung oder der Aufbau eines eigenen Bauhofes oder als Alternative das Einbinden Langzeitarbeitsloser in einem Sozialunternehmen zur Diskussion. In anderen Ländern Europas seien diese Fragen schon lange zugunsten von Sozialunternehmen beantwortet worden. Kooperationen mit Behindertenwerkstätten seien im Vergleich dazu auch in Deutschland schon lange gute Praxis. Und schließlich habe der mit "Waage" eingeschlagene Weg noch ein anderes Ziel, unterstreicht Eike Belle. "Es soll nicht heißen ,einmal Sozialwerk, immer Sozialwerk'. Die Vorbereitung dort soll vielmehr den Weg für Tätigkeiten in Unternehmen ebnen." Frank Berg ist sich sicher: "Nach mehrjähriger Arbeit bei Horizont sind viele der Langzeitarbeitslosen zu diesem Wechsel in der Lage." Zu gern würden wohl alle am "Waage"-Projekt Beteiligten erleben, dass diese Rechnung aufgeht. Ute Noack markiert auf ihre Weise den ersten Schritt: "Wer eine Chance wie diese hat, sollte sie nutzen."

Zum Thema:
Seit 1. März 2013 arbeiten 15 ehemals Langzeitarbeitslose im Pilotprojekt "Waage" bei der gemeinnützigen "Horizont - Sozialwerk für Integration GmbH". Einzigartig in Brandenburg unterstützen Landkreis und Jobcenter das Projekt nach einem speziellen Fördermodell: Der Zuschuss sinkt in vier Jahren bis auf 20 Prozent. Im fünften Jahr sollen die Beschäftigten ihren Lohn selbst erwirtschaften. Der Landkreis gibt den Anteil eingesparter Kosten der Unterkunft dazu. Das Projekt bezieht Erfahrungen von bedeutenden europäischen Sozialunternehmen ein. Es geht unter anderem um einen Mix von öffentlichen Zuschüssen und Eigenleistungen.