Vor zehn Jahren war die heute 46-Jährige der Liebe wegen mit ihren beiden Jungs, damals drei und neun Jahre alt, nach Karlsruhe gegangen. Als Diplom-Ingenieurin für Silikattechnik hatte sie nach Schließen vieler Keramikhersteller schon im Osten nicht mehr arbeiten können. Der berufliche Neuanfang in Karlsruhe glückte dennoch. Zuletzt war Dietlind Loos sechseinhalb Jahre als Bürokauffrau und im Außendienst in der Möbelbranche tätig. Mit den Jahren wurden die Signale der Eltern aus Richtung Elsterwerda deutlicher, das Familienanwesen allein nicht länger halten zu wollen. Der glückliche Umstand, dass sich Ehemann Wolfgang in Karlsruhe in die Frührente verabschieden konnte und dessen Sympathie für die Lausitz, führten Dietlind Loos zurück nach Elsterwerda.

Hier gab es zunächst ein böses, nicht für möglich gehaltenes Erwachen. Bis Dezember vorigen Jahres hatte die Heimkehrerin 56 Bewerbungen verschickt. Von mehr als 90 Prozent der Adressaten bekam sie keine Antwort. In Gesprächen mit privaten Arbeitsvermittlern wurde der Abgrund zwischen bisherigem Verdienst in Karlsruhe und hiesigen Angeboten deutlich. "Hätte ich gewusst, wie schwierig es ist, hier eine Arbeit zu bekommen, wäre ich nicht hergekommen", sagt die Heimkehrerin. Schließlich habe es dann zwar doch noch ein vielversprechendes Angebot gegeben. "Aber mein Bauchgefühl riet mir davon ab", blickt Dietlind Loos zurück.

Vielmehr drängte sich ein anderer Gedanke in den Vordergrund. "Wir hatten schon seit fünf Jahren für uns Kaffee geröstet, legen Wert auf eine gute Tasse Kaffee", erzählt Dietlind Loos. Eine Reise nach Kenia und die dort gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen rund um die beliebte Bohne hatten sie gedanklich nicht mehr losgelassen. "Bunte Vögel fliegen höher", ist ein Lebensspruch der Elsterwerdaerin, der sie schließlich zu dem Entschluss führte, es mit einer eigenen Kaffee-Rösterei zu versuchen. Bevor sie vielleicht für 400 Euro im Monat in irgendeiner Maßnahme stecke, würde es ihr besser gefallen, diese 400 Euro am Ende eines Monats durch selbstbestimmte Arbeit zu erwirtschaften. Und zudem Freude an dieser Arbeit zu haben, die sie mit Menschen zusammen und in den Außendienst führt.

Dietlind Loos räumt ein, dass sie die Rösterei nur mit der Sicherheit ihrer Familie im Hintergrund im Nebenerwerb betreiben könne. Investitionen in hohem vierstelligem Bereich in einen 5-Kilogramm-Kaffeeröster, in Kaffeemühle, Verschweißtechnik für die Aromaschutz-Tüten und das Marketing müssen erst einmal hereingewirtschaftet werden.

Drei Tage lang hatte sich die tatkräftige Frau auf Empfehlung einer Freundin in einer Rösterei in Recklinghausen in manches Geheimnis einweisen lassen. Außerdem besuchte sie mehrfach Röstschulungen bei den Herstellern der Röstmaschinen. Eine Anfrage in einem Betrieb in Dresden sei leider ohne Erfolg geblieben. Hier befürchtete man wohl, eine künftige Konkurrenz zu unterstützen, vermutet die Unternehmerin. "Doch das ist gar nicht mein Anspruch. Ich will in der Region agieren, den Menschen hier guten Kaffee anbieten." Kontakte knüpft sie derzeit zu Geschäften im Umkreis von Elsterwerda, die ihre Kreationen ins Sortiment aufnehmen könnten. Von "mild" bis zur "knackigen Espresso-Röstung" reiche ihre Angebotspalette. Je nach dem Herkunftsland der Rohbohnen sind sie mit Namen wie Columbia, Costa Rrica oder Honduras versehen. Damit habe sie sich bewusst gegen Phantasienamen entschieden.

Kenner könnten bereits mit dem Herkunftsland der Bohnen auf entsprechende Qualitäten schließen. So lagern jetzt Säcke mit Rohbohnen aus verschiedenen Ländern im Vorraum der kleinen, heimischen Rösterei. Händler aus Hamburg sowie demnächst aus Bremen und Italien sorgen für den Nachschub der grünen Ausgangsbohnen. Renommierte Händler stehen für eine Qualitätskontrolle der Rohware, was wichtig für die Unternehmerin ist.

Dietlind Loos hat viele Bücher rund um den Kaffee und dessen Herstellung gelesen, hat sich bei Fachleuten kundig gemacht. Den entscheidenden Vorteil ihrer Röstungen in kleinen Mengen bis zu fünf Kilogramm und bei Temperaturen zwischen 185 und 235 Grad sehe sie darin, dass der Geschmack der Originalbohne viel besser zur Geltung gebracht werden könne. In industriellen Röstereien seien die Temperaturen viel höher und die Röstzeit entsprechend extrem kurz. "Je dunkler die Bohne wird, um so mehr Bitterstoffe sind enthalten", erklärt sie. Ihre Art der Röstung sei magenfreundlicher für diejenigen, die nach Kaffeegenuss Probleme haben.

Erste Proberöstungen mit der neuen Maschine und das Kaffee-Verkosten mit der Familie haben der Neueinsteigerin Mut gemacht. Die Vorstellung der Rösterei am 8. Juli wurde von der Nachbarschaft mit viel Interesse angenommen. "Vielleicht lade ich irgendwann einmal zu einem Tag der offenen Tür zu mir ein", sagt die zupackende Elsterwerdaerin. Seit dem 10. Juni gibt es ihre Firma offiziell. Seit Anfang Juli sei sie nun in die Gänge gekommen. Jetzt sind Freunde einer besonders guten Tasse Kaffee am Zuge.