Sein Anwalt ist empört. Der todkranke junge Mann gehört aus seiner Sicht "betreut und nicht bestraft". Mike ist Schwerstabhängiger von Heroin und Kokain, er ist HIV-positiv und hat Hepatitis. Doch ins Gefängnis soll er, weil er im Hauptbahnhof seit Jahren das Hausverbot missachtet, dort bettelt und immer wieder schläft. Rund 200 Anzeigen haben die Sicherheitsmitarbeiter der Bahn ihm verpasst. Neun Monate ohne Bewährung hat das Amtsgericht gegen den Obdachlosen verhängt, nun läuft die Berufung. Eines Tages könnte sich die Justiz für solche Urteile schämen, wettert der Pflichtverteidiger. Er habe selten einen Drogenabhängigen gesehen, dem es so schlecht gehe.
Richter Stefan Drees versucht, dem schwitzenden Angeklagten eine goldene Brücke zu bauen. Schließlich hat der Schläfer im Schließfach nicht einmal einen Schaden verursacht: stationäre Therapie statt Knast. Wenn er durchhält, wird der Rest der Zeit zur Bewährung ausgesetzt. Doch Mike K. ist Realist, zumindest was seinen Durchhaltewillen angeht: "Ich habe es so oft versucht. Wenn es sinnvoll wäre, würde ich es tun. Aber ich habe so oft versagt, das will keine Krankenkasse mehr zahlen." Ins Gefängnis will er aber auf keinen Fall: "Ich habe doch nur versucht zu überleben." Außerdem habe er inzwischen Unterschlupf bei einem Freund gefunden.

Dasein vom Entzug bestimmt
Im Gerichtssaal L 115 des Landgerichts macht sich Ratlosigkeit breit. "Wir haben im Strafrecht keine anderen Mittel", sagt der Staatsanwalt. "Was soll denn nach neun Monaten Knast passieren?", fragt der Verteidiger. "Eine gute Prognose gibt es jedenfalls nicht", befindet der Richter. Schließlich ist der Bahnhof Mikes "Arbeitsplatz". Nur dort kann er sich schnell genug Geld für den nächsten Schuss Heroin erbetteln. Sein Lebensrhythmus wird vom Entzug bestimmt, und der vernichtet regelmäßig alle guten Vorsätze.

Gute Vorsätze
Deshalb ist ein Obdachlosenasyl für Mike keine Alternative: Dort wird pünktliches Erscheinen verlangt. Mike kommt jedoch auch mit halbstündiger Verspätung zu seinem Prozess, nachdem er den ersten Termin schon platzen ließ. Damals hatte der Richter Polizisten geschickt. Die stießen auf ein Häuflein Elend, das sie als weder transport-, geschweige denn verhandlungsfähig einstuften. Er müsse wegen des HI-Virus "dringend was unternehmen", bevor er an Aids erkrankt, weiß Mike - wieder so ein guter Vorsatz.
Am Ende beschließt das Gericht, den Mann aus dem Schließfach psychiatrisch untersuchen zu lassen. Vielleicht ist er gar nicht schuldfähig, vielleicht gehört er in eine Anstalt. Vielleicht ist das seine letzte Chance. Nach eineinhalb Stunden Verhandlung hat Mike dunkle Ringe unter den Augen, wirkt gequält. Die Sicherheitsmitarbeiter der Bahn, als Zeugen im Gerichtssaal, ahnen, wie es um ihren alten Bekannten steht: "Viel Glück, Mike!", rufen sie ihm am Verhandlungsende zu.