Ein Sonntagabend irgendwo in der Cottbuser Altstadt. Unweit des Staatstheaters hängt ein Zettel an der Eingangstür eines Mehrfamilienhauses. "Könnte heute etwas lauter werden", warnt die Bewohnerin eines kleinen Apartments ihre Mitmieter vor. Ein Wohnzimmerkonzert findet heute Abend hier statt. "Les Bumms Boys", eine Deutschpop-Band aus Rostock, hat unter ihren Fans Wohnzimmerkonzerte verlost. Berlin, Weimar, Leipzig, Cottbus - die Musiker kommen rum - und in die prall gefüllten Wohnzimmer ihrer Gastgeber.

Wer an diesem Abend in die Cottbuser Wohnung gekommen ist, quetscht sich zwischen die übrigen Zuhörer aufs Bett, auf den Wohnzimmerboden, in die kleine Küche. Ein paar Quadratmeter braucht die Band - für Bass, Cajón, Trompete und Gitarre. Platz für Tanzeinlagen? Fehlanzeige. Und trotzdem: Wohnzimmerkonzerte liegen im Trend.

Kleine Konzerte, kostenlos und oft im privaten Wohnzimmer - und das am selben Tag. Der "Tag der Hausmusik" am 22. November ist einer dieser Tage, die kaum jemand kennt. Dabei gibt es ihn schon seit mehr als 80 Jahren, wie Ulrike Eberle von der Initiative "Musikland Niedersachsen" betont. Gemeinsam mit ihren Kollegen hat sie in diesem Jahr erstmals eine große Plattform geschaffen, auf der Gastgeber und Musiker zusammenfinden können.

Wie es aussieht, werden das eine ganze Menge. Wohnzimmerkonzerte werden seit einigen Jahren in Deutschland immer beliebter und haben trotzdem noch das Flair eines Geheimtipps. "Der Trend geht stark einher mit Plattformen wie Couchsurfing oder Airbnb, wo man in einer anderen Stadt, in der man niemanden kennt, mit einer Community von Gleichgesinnten zusammengeführt wird", erklärt Eberle. "Da war es nur eine Frage der Zeit, bis erste Portale aufkamen, wo vielleicht durchreisende Musiker, die noch einen Termin frei haben, sich mit interessierten Gastgebern zusammentun können." Beispiele dafür sind Wohnzimmerkonzerte.de oder SofaConcerts.org aus Hamburg.

Die Idee intimer Konzerte trifft scheinbar einen Nerv. Das hat auch Joshua Carson bemerkt. Der 44-Jährige aus Schleswig-Holstein macht seit mehr als zwei Jahren nichts anderes. Er gab seine Wohnung auf und reist seitdem mit einem Wohnmobil durch ganz Deutschland, von Haustür zu Haustür, wo ihn immer neue Gastgeber in ihre Wohnzimmer bitten. Geplant hatte er das nicht.

"Das Ganze hat sich eigentlich verselbstständigt", erzählt Joshua. "Ich habe vor zweieinhalb Jahren ein neues Programm entwickelt und wollte es vor Tourstart erproben. Da habe ich fünf Wohnzimmerkonzerte im Internet verlost."

Mit dem Ansturm von Anfragen, die er daraufhin erhielt, hätte er nie gerechnet.

Joshua lebt von seinen Wohnzimmerkonzerten. Da er allein sei, komme er finanziell gut klar, sagt er. Seine Konzerte sind alle völlig kostenlos, er spielt ohne Gage und nimmt auch kein Anfahrtsgeld - nur die Gema-Gebühren von etwa 22 Euro muss der Gastgeber zahlen. Er finanziert sich über den Verkauf von CDs. "Die Konzerte sind ein bisschen wie eine musikalische Tupperparty", meint er lachend.

dpaq.de/EQlwW