Die Kühle der Samstagnacht hat über die Freiflächen unweit der Schwarzen Elster in Bad Liebenwerda eine dünne Reifschicht gezogen. Was den einen beim Anblick frösteln lässt, zaubert dem Winzer noch lange nicht die Sorgenfalten auf die Stirn. Der junge Winzer Rico Leonhardt, in Bad Liebenwerda aufgewachsen und seit einigen Jahren angestellter Winzer auf einem Weingut in Meißen, arbeitet viel unter freiem Himmel und weiß, "es ist nun mal die Zeit der Bodenfröste". Die zweite Weinlese in Bad Liebenwerda am vergangenen Sonnabend ist bewusst zwei Wochen nach hinten verschoben worden. "Der Frühling war lange kalt und hat den Austrieb verzögert", erklärt der Fachmann. "Als zwischenzeitlich im März die ersten warmen Tage kamen, nutzten die Bronner-Reben die Gunst der Stunde, um anzutreiben. Zu früh, denn die noch einmal folgende Kälte und Nässe machte den Austrieb wieder zunichte, was man auch am geringen Ertrag sieht", zeigt Rico Leonhardt auf die Ausbeute beim Bronner, der es aber immer noch auf beachtliche 90 Grad Öchsle schafft.

Sonst haben alle vier Rebsorten den Winter recht gut überstanden, für Schutz vor dem Ostwind hat eine Wand aus aufgestellten Heuballen gesorgt. Zwölf Paar Hände helfen dem Jungwinzer bei der Lese. "Dass die Sonne scheint", erklärt der junge Mann, "ist Winzerglück." Alle, die mitmachen, sind hoch motiviert, wollen viel schaffen und sind angesteckt von der Energie des jungen Paares. Nach der Lese des Bronner wird die Traubenmühle, die diesmal gleich am Rebenfeld zum Einsatz kommt, auf den nächsten großen Behälter gestellt. Die Mühle trennt die Beeren vom Stiel und quetscht die Frucht, die im Behälter als Maische bezeichnet wird. Sortenrein wird gelesen - darauf legt Rico Leonhardt großen Wert. Alles wird auf dem Hof der Familie in Fässern gelagert, wo sich der Wein weiter ausbauen kann. Schließlich kommt er in die Flasche und wird verkorkt.

Gut 100 Stück sind die Ausbeute aus der Lese des vergangenen Jahres. "Ein guter Wein", meint der Winzer mit Kennermiene und lobt: "Harmonisch, nicht säurebetont, neutral mit leichter Restsüße - ein leichter Wein eben." Allerdings noch keiner, der für den Verkauf gemacht ist. "Dafür bedarf es noch eines langen bürokratischen Weges", erklärt er. Freunde, Bekannte und die Familie werden den ersten Bronner von Leonhardt genießen können. Etwa 30 Flaschen gehen in die Lagerung, um auch diese Qualitätsparameter auszutesten.

Bei Sonnenschein, netter Unterhaltung, Traubenverkosten und frischer Luft vergeht die Zeit wie im Flug. Die Helfer rufen nach mehr Arbeit. Aber erst nach dem Mittagessen soll es eine Entscheidung darüber geben, ob alle Reben sofort abgeschnitten werden oder später. Spontan entscheidet Rico Leonhardt: "Nehmt den Roten ab, und dann schauen wir weiter." Mit ihren farbigen Plastekisten und einer Schere ausgestattet verschwinden die Helfer wieder zwischen den Reihen. Kurze Zeit später kommt Vater Lutz Leonhardt mit einem Ponyfuhrwerk und mehreren Kisten voller roter saftiger Trauben den breiten Weg zwischen den Weinstöcken entlang. Die Idylle trügt nicht: Es wirkt beruhigend, stimmt froh, dieser Familieninitiative zuzuschauen. Generationen, vom Urenkel bis zum Großvater mit Hund, helfen. Dazu ein Bild, das an frühe Zeiten des Weinanbaus und der Landwirtschaft erinnert. Ein Vierbeiner samt Karren. Nur eins ist ganz anders: das Vogelgezwitscher. Es wird künstlich erzeugt und soll die Stare von den Trauben fernhalten. "Schließlich wollen wir ja was in die Flaschen bekommen", sagt Rico Leonhardt und schmunzelt. Ob Bad Liebenwerda nun die ideale Lage für den Weinanbau auch ohne Weinhang bietet, kann selbst der Winzer noch nicht sagen.

Das Wetter und Krankheiten machen auch vor den Trauben in Meißen keinen Halt, weiß er. Den Rebsorten Bronner, Sylvaner, Kerner und Cabernet Cortis jedenfalls tut das Kurstadt-Klima gut. Die Anzeichen stehen gut, dass der erste Rote als ein Jahrgang mit ganz viel Potenzial im nächsten Jahr verkostet werden kann.