| 02:36 Uhr

Der erfolgreichste "Nicht-Sportclub"

Die Leichtathleten der BSG Tiefbau trafen sich am Wochenende wieder. Ulrich Hobeck begrüßte dabei auch die sportlichen Aushängeschilder Anke Kössler und Udo Bauer (kl. Foto).
Die Leichtathleten der BSG Tiefbau trafen sich am Wochenende wieder. Ulrich Hobeck begrüßte dabei auch die sportlichen Aushängeschilder Anke Kössler und Udo Bauer (kl. Foto). FOTO: Kein Fotograf erkannt!
Cottbus. Die Leichtathleten der BSG Tiefbau Cottbus trafen sich nach 30 Jahren zum Wiedersehen. Sie hatten es nicht immer leicht in der DDR. Georg Zielonkowski / ski1

Nicht nur Anke Kössler, die vor genau 30 Jahren in Leipzig beim Cross zum DDR-Meistertitel gelaufen war, hatte es sich seit Langem zum Ziel gesetzt: "Man müsste endlich mal unsere alte Tiefbau-Truppe zusammentrommeln, um sich an die schönen Zeiten bei der damaligen BSG zu erinnern." Nun war es so weit, woran die heute 47-jährige, die aufgrund ihres Aussehens sehr oft mit Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler verwechselt wird, wie auch Sabine Lindner einen großen Anteil hat.

So konnte der damalige Chef der Betriebssportgemeinschaft Tiefbau Cottbus Ulrich Hobeck am vergangenen Wochenende rund 70 seiner ehemaligen Schützlinge bei einem Rundgang durchs Sportzentrum und zum gemütlichen Beisammensein in der Spreewehrmühle willkommen heißen. Um sich an sportliche Bilanzen, aber auch an den Stellenwert der vom System ungeliebten Betriebssportgemeinschaft zu erinnern.

War doch dieser Leichtathletik-Verein über Jahre der erfolgreichste "Nicht-Sportclub" der DDR und sogar international erfolgreich. "Paradox und auch ein Stückweit frech war es aber, dass in den offiziellen Protokollen als Heimatverein nicht BSG Tiefbau, sondern SC Cottbus eingetragen wurde. Offenbar wollte man nicht wahrhaben, dass auch wir in unserem Verein mit den rund 180 Athleten und sieben Trainern durchaus verstanden haben, gute Leistungen zu entwickeln", blickt Hobeck zurück.

Einer der Erfolgreichsten war Andreas Garack. Der 3000m-Hindernis-Spezialist wollte 1982 vom SC Cottbus zum ASK nach Potsdam wechseln, was ihm die Sportführung jedoch untersagte. So blieb ihm nur der Schritt zur benachbarten BSG, in deren Trikot er in der Senftenberger Halle hinter dem legendären Hans-Jörg Kunze beim 5000m-Rennen mit guten 13:49min DDR-Vizemeister wurde. Ebenfalls aus den Reihen des SC Cottbus verbannt wurde Rainer Engwicht. Der Hammerwerfer besaß doch tatsächlich die "Frechheit" mit dem West-Wagen seines Vaters zum Training auf dem Gelände des SC Cottbus vorzufahren. Was sich für ihn als seine letzte Tour zum Training herausstellen sollte.

Einer, der aufgrund seiner internationalen Erfolge gut und gern als Aushängeschild der BSG Tiefbau genannt wurde, war 400m-Mann Udo Bauer. Dessen größter Erfolg war ein 4. Platz beim Europacup-Finale 1976 in Turin. Mit der deutschen 4x400m-Staffel lief Bauer sogar auf den Silberrang, auch in London kam das DDR-Quartett mit ihm auf Platz zwei an. Eine Episode hat der heute als Stadtarchivar in Cottbus arbitende Läufer beim Treffen zum Besten gegeben: Als er von seinem Weltcup-Start 1979 in Montreal erzählte und über das Angebot eines kanadischen U-Bahn-Fahrgastes, der ihm unbedingt seine Trainingsjacke mit DDR-Emblem abkaufen wollte. "Vielleicht hätte ich ein paar Dollar verdienen können, aber uns war es strengsten untersagt, irgendjemandem auf der Welt unsere geheiligte Sportkleidung zu überlassen. Also konnte ich ihm nur sagen: Sorry, no Sir."

Es gab aber noch mehr Tabus für die "Tiefbauer". Beispielsweise durften sie im damaligen Max-Reimann-Stadion nicht trainieren und auch die Laufhalle nicht benutzen - bis Hobeck einen Deal aushandelte. Er erinnert sich mit einem genüsslichen Schmunzeln: "Das 300m-Oval in der Laufhalle im heutigen Sportzentrum war für meine Sportler ebenfalls gesperrt. Doch wollten die Nutzer dieser Halle im Interesse ihres eigenen besseren Trainings unbedingt die Kurven nachträglich erhöhen lassen. Der Tiefbau-Kombinats-Direktor Manfred Thomas sagte die dafür erforderlichen Arbeitsleistungen zwar zu. Aber nur unter der Bedingung, dass unsere Sportler der BSG Tiefbau ab sofort auch die Bahn dieser Halle nutzen dürfen."