Beim Auftakt zu seinem Prozess am Montag vor dem Stader Landgericht erscheint der 40-Jährige erstmals als Mensch mit Gesicht. Blass ist der Angeklagte, der mit Handschellen gefesselt in den Saal gebracht wird, sein Haar ist ergraut, er trägt einen dichten Vollbart. Etwa 20 Jahre lang soll Martin N. als pädophiler Serientäter in Norddeutschland unterwegs gewesen sein, drei Jungen im Alter zwischen acht und 13 Jahren ermordet und Dutzende sexuell missbraucht haben. So hat er es gestanden – im Polizeiverhör, nachdem er im April dieses Jahres nach langer vergeblicher Fahndung in Hamburg gefasst werden konnte, wo der Pädagoge aus Bremen die vergangenen Jahre unerkannt lebte.

Quälend lange dauert es, bis Oberstaatsanwalt Johannes Kiers die Anklageschrift gegen N. verlesen hatte. 23 Straftaten werden Martin N. zur Last gelegt: Mord aus niedrigen Beweggründen und aus Heimtücke zählt der Ankläger mit lauter Stimme auf, sexuellen Missbrauch und Freiheitsberaubung mit Todesfolge, sexuellen Missbrauch. Kiers nennt die Uhrzeiten, die Tatorte, die Namen der Opfer.

Der Staatsanwalt berichtet, wie N. sich nachts in Zehner-Zelte in Ferienlagern und in Mehrbettzimmer von Internaten geschlichen haben soll, um Jungen sexuell zu belästigen oder zu missbrauchen. Wie er sie manchmal mit Messer oder Pistole in Schach gehalten und ihnen gedroht habe, sie „kalt zu machen“. Wie ihn eines der Opfer „unter Tränen“ gebeten habe aufzuhören. Einmal, sagt Kiers, habe der Angeklagte einen Jungen hinter der Haustür seines Elternhauses missbraucht, während die Mutter sich im ersten Stock aufhielt.

Kern der Anklage gegen N. aber sind die drei Morde, die N. bereits gestand. 1992, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, verschleppte er den 13-jährigen Stefan J. aus einem Internat in Scheeßel, missbrauchte und erwürgte ihn auf einem Feldweg. 1995 entführte er den achtjährigen Dennis R. aus einem Zeltlager bei Schleswig, brachte ihn nach Dänemark in ein Ferienhaus und erwürgte ihn dort von hinten, als dieser gerade auf dem Boden spielte. 2001 vergriff er sich nachts in einem Schullandheim in Wulfsbüttel an Dennis K. und tötete ihn, als er laut wurde.

Die Angehörigen der ermordeten Jungen, die in dem Verfahren als Nebenkläger auftreten, sitzen N. direkt gegenüber, sehen ihm erstmals in die Augen. „Der lässt mich kalt“, sagt Ulrich J., der Vater von Stefan J. Er hoffe, dass nun „alles aufgeklärt wird“, glaube aber nicht, dass N. die ganze Wahrheit sagen werde.