Gehören nun alle DNA-Tests in der polizeilichen Ermittlungsarbeit auf den Prüfstand? Wie viele alte Fälle müssen neu aufgerollt werden? Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) will noch nicht so weit gehen: "Voreilige Schlussfolgerungen waren und sind nicht angebracht", sagt er. Aber der Verdacht hat sich erhärtet: Die zur Spurensicherung eingesetzten Wattestäbchen eines österreichischen Unternehmens mit Ablegern unter anderem in Baden-Württemberg und Bayern sollen schon vorher mit einer DNA verunreinigt worden sein.Wer ist dafür verantwortlich im Produktionsprozess? "Dies beginnt beim Pflücken der Baumwolle und endet bei der Auslieferung an den Verbraucher", sagt ein Sprecher des Landeskriminalamts (LKA) in Saarbrücken. Es verdichtet sich aber, dass die weibliche DNA von einer Mitarbeiterin der Wattestäbchen-Firma stammt. Dort werden derzeit Speichelproben genommen - erste Ergebnisse soll es bald geben.Wenn sich der Verdacht bewahrheitet, geraten die Polizei und ihr Dienstherr, Innenminister Heribert Rech (CDU), erneut unter Druck. Schließlich liegt ihre letzte Panne erst zwei Wochen zurück: Einen Tag nach dem Amoklauf von Winnenden präsentierte Rech eine angebliche Internetankündigung des Amoklaufs, die wahrscheinlich eine Fälschung war.Nun muss die Polizei wohl alle ungelösten Kriminalfälle, die mit der DNA-Spur des vermeintlichen Phantoms in Verbindung gebracht wurden, neu beleuchten. Denn das Bindeglied der Fälle fällt weg. "Das hätte natürlich nicht passieren dürfen", sagt Justizminister Ulrich Goll (FDP), der den Fall für gelöst hält. Den Ermittlern dürfe kein Vorwurf gemacht werden. Rech kündigte rechtliche Schritte gegen die Wattestäbchen-Firma an, falls sich der Verdacht bestätigen sollte.Ungereimtheiten in dem Fall der "Frau ohne Gesicht" stellten die Ermittler früh fest. Mit jedem neuen Fall konnten die Sachverhalte aus kriminalistischer Sicht immer weniger plausibel erklärt werden. Ungereimtheiten tauchten etwa im Zusammenhang mit dem Mord an drei Georgiern im hessischen Heppenheim auf. Bereits früh deutete nichts auf eine Verbindung zwischen dem Fall der Georgier und der unbekannten Serientäterin hin.Dass Utensilien zur Spurensicherung möglicherweise verunreinigt sein könnten und das Phantom gar nicht existiert, hatte bereits Ende des vergangenen Jahres der Münsteraner Rechtsmediziner Bernd Brinkmann vermutet. Der LKA-Sprecher Horst Haug in Stuttgart hatte dies damals als "Spekulation" zurückgewiesen. Innenminister Rech erklärt nun, die Frage der Verunreinigung werde seit April 2008 geprüft. DNA-Spuren der angeblichen "Frau ohne Gesicht" sind bei mindestens 38 Straftaten gefunden worden. Die wichtigsten Fälle: Mai 1993: In Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) wird eine 62-jährige Rentnerin in ihrer Wohnung erdrosselt und ausgeraubt. Am Tatort sichert die Polizei genetische Spuren einer Frau.März 2001: In Freiburg wird ein 61-jähriger Frührentner erdrosselt gefunden. Die Polizei entdeckt am Tatort die DNA, die auch beim Mord in Idar-Oberstein sichergestellt worden war.Oktober 2001: Die Polizei entdeckt auf einem Parkplatz in Gerolstein (Rheinland-Pfalz) die DNA an einer Einwegspritze, mit der Drogen verabreicht worden waren.Herbst 2004: Entlang der Inntalstrecke in Österreich beschäftigt sich die Polizei mit einer Diebstahlserie. An Jogginghose und Kapuzenjacke finden sich DNA-Spuren der Frau.April 2007: In Heilbronn wird eine 22 Jahre alte Polizistin bei ihrem Streifenwagen erschossen. Am Wagen wird das DNA-Material der unbekannten Frau sichergestellt.27. März 2008: Nach dem Mord an drei Georgiern im Raum Heppenheim (Hessen) wird im Auto eines verdächtigen V-Manns des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes eine genetische Spur der Frau gefunden.18. Dezember 2008: Ermittler finden weitere DNA-Spuren im Wagen einer 45 Jahre alten Krankenpflegerin in Weinsberg (Kreis Heilbronn). Spaziergänger hatten die Frau Ende Oktober tot gefunden. Ob sie ermordet wurde, ist unklar.25. Dezember 2008: Das Landeskriminalamt (LKA) weist Spekulationen um verunreinigte Utensilien für die DNA-Analyse bei der Suche nach dem Heilbronner "Phantom" zurück.18. März 2009: Die Polizei findet eine neue Spur im Saarland. Ermittler sichern dort DNA-Material der Unbekannten an einer Getränkedose im Zusammenhang mit einem Einbruch in einer Saarbrücker Schule im Juli 2007. dpa/cd