An Leos erstem Oscar ist kaum noch zu rütteln, darin sind sich fast alle Filmkenner einig. Doch auch wenn Leonardo DiCaprio am Sonntag endlich den ersten Goldjungen in Empfang nehmen sollte, ist die 88. Oscar-Gala noch für Überraschungen gut.

Wie heftig wird der schwarze Moderator Chris Rock über die "weißen Oscars" ohne einen einzigen nominierten afroamerikanischen Schauspieler herziehen? Kommt es gar zu Protesten in der Show? Was wird Lady Gaga auf dem roten Teppich tragen - der schrille Star ist für den Song "Til It Happens To You" aus der Dokumentation "The Hunting Ground" nominiert.

Und das große Rätsel: Wer setzt sich in der Spitzenkategorie "Bester Film" durch? Der knallharte Überlebensthriller "The Revenant - Der Rückkehrer", die witzig-freche Finanzsatire "The Big Short" oder das ernste Enthüllungsdrama "Spotlight" über Journalisten, die einen breiten Missbrauchsskandal der katholischen Kirche aufdecken?

Nach einem wochenlangen Preisringen, bei den britischen Baftas, den Golden Globes und zig anderen Wettbewerben, gibt es klare Favoriten und ebenso viel Unvorhersehbares.

Zahlenmäßig - und auf der Gänsehautskala - führt "The Revenant" mit zwölf Nominierungen. Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu scheucht darin DiCaprio als Pelztierjäger durch eisige Flüsse, verschneite Wälder und in die Klauen eines Grizzlybären. Als bärtiger Survival-Rächer hat DiCaprio in dieser Saison alle wichtigen Preise abgeräumt, sein erster Oscar im sechsten Anlauf ist zum Greifen nahe.

Für Iñárritu wäre es der zweite Triumph in Folge. Vor einem Jahr steckte der Mexikaner gleich drei Oscar-Trophäen für Regie, Original-Drehbuch und als Produzent des besten Films "Birdman oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit" ein. Das war eine bitterböse Komödie über Egos und Eitelkeiten im Showgeschäft, "The Revenant" ist das Kontrastprogramm.

Doch am Ende könnte auch die Finanzkomödie "The Big Short" mit Christian Bale, Ryan Gosling, Steve Carell und Brad Pitt in schrägen Rollen zum besten Film gekürt werden. Das tat kürzlich der US-Produzentenverband PGA, dessen Preisverleihung ein gutes Oscar-Barometer ist. Von 26 PGA-Siegern holten 19 in den vergangenen Jahren auch Oscar-Gold. Bei den Auszeichnungen der Schauspieler-Vereinigung SAG siegte dagegen das "Spotlight"-Ensemble mit Darstellern wie Mark Ruffalo, Michael Keaton und Rachel McAdams. Damit gibt es mindestens drei aussichtsreiche Kandidaten.

Trotz zehn Nominierungen, auch als bester Film, steht die postapokalyptische Action-Saga "Mad Max: Fury Road" etwas im Abseits. Gleiches gilt für Ridley Scotts Weltraumepos "Der Marsianer - Rettet Mark Watney" mit sieben Nominierungen und Steven Spielbergs Spionagethriller "Bridge of Spies - Der Unterhändler" mit sechs Gewinnchancen.

Als deutscher Koproduzent von "Bridge of Spies" macht sich das Studio Babelsberg aber Hoffnungen, ebenso der Berliner Filmdekorateur Bernhard Henrich, der damit in der Sparte "Production Design" erstmals für einen Oscar nominiert ist.

Noch ein Deutscher könnte am Ende einen Goldjungen mit nach Hause nehmen: Patrick Vollrath ist mit seinem Kurzspielfilm "Alles wird gut" in der Kategorie "Live-Action-Kurzfilm" im Rennen. Der Vater-Tochter-Film gewann schon einen Studenten-Oscar. Und schließlich kann sich auch der aus Cottbus stammende Schauspieler Urs Rechn Hoffnungen machen. Er spielt in dem ungarische Streifen "Son of Saul" mit, der Oscar-Kandidat für den besten fremdsprachigen Film ist.

Die Australierin Cate Blanchett (46) holte als elegante High-Society-Lady "Carol", die sich in den 1950er-Jahren in eine Frau verliebt, ihre siebte Nominierung. Zwei Oscars hat sie schon. Jennifer Lawrence ist mit "Joy - Alles außer gewöhnlich" im Rennen. Mit 25 ist sie die jüngste Schauspielerin, die schon vier Nominierungen in ihrer kurzen Karriere einheimste. Sollte sie nicht gewinnen, kann sie sich mit ihrem drei Jahre alten Goldjungen für "Silver Linings" trösten.