Unfall mit Alleinbeteiligung, heißt es im Polizeibericht. Auf offensichtlich glatter Fahrbahn sei der Krankentransporter am Samstag gegen 22 Uhr am Abzweig Merzdorf von der Straße abgekommen und gegen die Leitplanke geprallt. Der Fahrer selbst habe den Notruf angewählt.
Die Geschichte, die sich in den Minuten nach der Karambolage zugetragen hat, wird in dem sachlichen Bericht der Ordnungshüter nicht erzählt. Mehrere Autos, so der Cottbuser, der anonym bleiben möchte, seien an der Unglücksstelle vorbeigefahren. Einige hätten sogar extra das Tempo gedrosselt, um genau zu sehen, was passiert ist. Doch kein einziger habe auch nur gefragt, ob er helfen könne. „Das schockiert mich am meisten“ , sagt der junge Mann. Mit eingeschaltetem Warnblinklicht habe der Transporter an der linken Leitplanke gestanden. „Der Unfall war nicht zu übersehen.“ Er selbst habe zunächst alles dafür getan, der Rollstuhlfahrerin, die sich leicht am Fuß verletzt hatte, zu helfen. Die eigenen Schmerzen verdrängte er in diesem Moment. Mehrere Bänder und Sehnen im Schulterbereich, so habe eine erste Untersuchung ergeben, seien bei ihm gerissen. „Das ist aber alles halb so wild“ , so der 22-Jährige.
Berndt Fleischer, Sprecher des Polizeischutzbereiches Cottbus/Spree-Neiße, hat kein Verständnis für das Verhalten der Autofahrer, die an diesem Abend die Unfallstelle passiert, aber nicht eingegriffen hatten. „Der Fall ist nicht unbedingt exemplarisch, doch wir verzeichnen natürlich immer wieder mal Beispiele, in denen es viele Schaulustige gibt, aber kaum jemand hilft.“ Die unterlassene Hilfeleistung sei ein konkreter Straftatbestand, der auch geahndet werden könne. Im Paragraf 323c des Strafgesetzbuches ist eindeutig festgelegt: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ In der Praxis käme es allerdings sehr selten vor, dass jemand für eine verweigerte Hilfeleistung zur Verantwortung gezogen werden kann. „Leider ist es schwierig, im Nachhinein die Leute zu ermitteln, die nicht ihrer Pflicht und Schuldigkeit nachgekommen sind“ , sagt Fleischer. Niemand bräuchte Angst zu haben, bei einem Unfall das Falsche zu tun. „Wer sich selbst nicht in der Lage fühlt zu helfen, der muss sich Unterstützung holen, vielleicht ein anderes Auto anhalten“ , so Fleischer. Das sollte zum Selbstverständnis eines jeden Verkehrsteilnehmers gehören, sagt der Polizei-Sprecher.
Die Mutter des Unglücksfahrers ist nach dem bösen Schreck „erst einmal froh, dass sowohl die Rollstuhlfahrerin als auch mein Sohn relativ glimpflich davongekommen sind“ . Zugleich ist sie ob der von ihrem Sohn geschilderten Begleitumstände „wütend und enttäuscht“ . „Auf der einen Seite wird gefordert, sich einzumischen, Zivilcourage zu zeigen, wenn es irgendwo eine Prügelei gibt, auf der anderen Seite schaffen wir es aber noch nicht einmal, bei einem offensichtlichen Unfall anzuhalten, um wenigstens zu fragen, ob Hilfe benötigt wird“ , so die Cottbuserin.